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22.5.2014 : 18:20 : +0200
Ich wurde von einer Sympathiewelle getragen

Caspar Richter spricht anlässlich der Veröffentlichung von 'Musical Forever 2'  über sein Wirken als langjähriger Musikdirektor der Vereinigten Bühnen Wien und sein ganz persönliches Abschiedskonzert am 27. Juni 2010.

 

Insgesamt war es eine lange Zeit. Mit zwei- oder dreijähriger Unterbrechung waren es ganze 23 Jahre als Musikdirektor. Da gab es eine Menge Highlights. Für mich ganz wichtig und eines meiner Lieblingstücke war 'Les Misérables', ziemlich am Anfang. Danach folgte gleich 'Das Phantom der Oper', das war auch sehr aufregend.

 

Dann begann die Zeit der Uraufführungen. Da war 'Freudiana', unser erstes Experiment, künstlerisch besonders interessant. Ich wünschte mir, dass man das Stück mit der Musik von Eric Woolfson jetzt noch einmal aufnehmen würde. Ich bin sicher, es würde sich für Wien lohnen, es noch einmal zu bearbeiten.

 

Nach 'Freudiana' kamen die Uraufführungen von 'Elisabeth' und dann von 'Mozart!', wobei 'Mozart!' für mich besonders interessant und musikalisch wertvoll war. Es folgte 'Rebecca'. Dazwischen hatten wir ein paar übernommene Produktionen aus Amerika oder aus England im Haus. Davon habe ich 'Chicago' sehr gemocht. 'Die Schöne und das Biest' hat mich sehr erfreut, dann 'Jekyll & Hyde'. Letzteres war für mich eine besonders schöne Produktion, da dort auch ein wunderbarer Regisseur mitgearbeitet hat und ich eine neue Orchesterfassung erstellen konnte. Fast am Schluss meiner Zeit gab es dann 'The Producers'. Das war eine der schönsten Produktionen, die leider nicht so angenommen wurde, wie ich es mir gewünscht hätte.

Caspar Richter hat die Aufmerksamkeit seines Orchesters
Ein feiner Meister des Takts

Dazwischen hatten wir immer wieder Konzerte, die ich für sehr wichtig hielt – gerade für die Klangkultur des Orchesters, damit die Musiker mal aus dem Graben heraus kommen und sich wirklich öffentlich und vor dem Publikum präsentieren konnten. Es fing an mit den Weihnachtkonzerten, die jetzt schon eine große Tradition haben, und mit denen wir auch in Triest gastiert haben.

 

Da war dann auch 'Jesus Christ Superstar'. Ich habe mir damals gedacht, wenn wir schon zu Weihnachten Konzerte machen, brauchen wir auch Osterkonzerte, und auch das ist jetzt eine Tradition, die fortgesetzt wird. Etwas das mich besonders freut, denn ich habe dort doch eine Menge Spuren hinterlassen.

Ich hab mich fast die ganze Zeit sehr wohl gefühlt, da ich gespürt habe, dass ich von einer großen Sympathiewelle getragen wurde und von sehr viel Liebe umgeben wurde. Das klingt jetzt ein bisschen dramatisch. und als Norddeutscher kommt mir das nicht so leicht über die Lippen, aber ich habe es gespürt, und das hat mich beflügelt. Deshalb hat auch dieser Abend von 'Musical Forever 2' eine ganz besondere, wunderbare und auch menschliche Atmosphäre, und die spürt man auch auf der CD. Jedenfalls habe ich es gespürt und viele andere auch, die es schon gehört haben.

 

Ich konnte natürlich nicht alles durchspielen, dann wäre es ein Konzert von sechs Stunden geworden. Ich habe eine Auswahl getroffen unter den Dingen, die mir sehr wichtig waren. Natürlich habe ich auch Stücke genommen, die nicht in unserem Programm waren, und es wahrscheinlich auch nie sein werden. Einfach Stücke, die ich für künstlerisch und musikalisch sehr wertvoll halte. Stücke, bei denen man wirklich nachdenken sollte, ob sich nicht das ein oder andere Revival, wie es ja jetzt in New York stattfindet, mit Richard Rodgers und Leonard Bernstein lohnt. Es würde auch zur Vielfalt des Programms der Vereinigten Bühnen Wien beitragen.

 

Da gab es vor allem eine Ouvertüre, die jetzt am Ende der CD erklingt – sie ist von Richard Rodgers, einem meiner Lieblingskomponisten aus 'State Fair'. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes, das kannte niemand. Ich kannte es vorher auch nicht, habe es aber irgendwo ausgegraben.

 

Dann gab es eine Nummer aus 'Sweet Charity' und dann von Irving Berlin, I Love a Piano, die ich extra für Thomas Borchert rausgesucht habe, weil er dabei Klavier spielen und seine Anekdoten erzählen konnte. Zwei Titel sind ganz besonders wichtig und schön für mich, zwei große Balladen: eine, die Marjan Shaki gesungen hat, A World of Wonders. Das ist der Hauptsong aus 'Sophies Welt', einem Musical, welches seine Uraufführung 1998 in Deutschland hatte und von einem ganz begabten norwegischen Team geschaffen wurde.

 

Ganz am Schluss Gabriellas Song aus dem Film 'Wie im Himmel', einer meiner Lieblingsfilme, von Stefan Nilsson, gesungen von Carin Filipčić.

Applaus und Dank für Caspar Richter
(links: Carin Filipčić)

Wie es nun weitergeht: Ruhestand ist ein Fremdwort für mich, jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt. Es heißt ja, Dirigenten werden sehr alt und werden im Alter immer besser. Da ist schon was Wahres dran, ich bin gelassener und lasse die Dinge mehr passieren. Ich greife nur dann ein, wenn ich glaube, es ist wichtig. Mir liegt daran, eine wunderbare Atmosphäre zu schaffen und eine Begeisterung für das, was man tut. Das kann man als älterer Mensch immer besser. Man hat sehr viel erlebt, sehr viel Erfahrung und das möchte man gerne weitergeben. Für den Dirigenten ist es sehr wichtig, dass er diese Erfahrung hat.

 

Als man mir sagte, ich könnte jetzt in Pension gehen, habe ich gesagt: "Was ist das denn?" Das habe ich immer ignoriert, das existiert nicht für mich und kommt in meinem Wortschatz auch überhaupt nicht vor. Ich fühle mich auch noch ganz toll, sehr kräftig und motiviert, nochmals eine neue Aufgabe anzunehmen und zwar eine neue alte Aufgabe. Eigentlich komme ich ja von der Oper – wie man weiß – habe in Berlin, Dresden und in der Wiener Staatsoper usw. gearbeitet. Zum Musical bin ich ja erst in Wien gekommen, eigentlich durch reinen Zufall, durch eine zufällige Bekanntschaft mit Peter Weck. Jetzt gehe ich "Back to the Roots" und mache wieder Oper. Ich bin schon mittendrin als Musikdirektor der Nationaloper in Brno und habe vielleicht auch die Möglichkeit, in zwei Jahren nach Prag zu wechseln. Darüber muss ich aber noch sehr lange nachdenken. Es ist eine Aufgabe, die mich sehr erfüllt und bei der ich auch wieder etwas bewegen kann. Meine über zwanzigjährige Musicalerfahrung und mein "Know-How" möchte ich jetzt in die klassische Oper mit einbringen. Das ist auch wirklich sehr notwendig, da die Oper sehr oft – ich will nicht sagen "schlampig" – aber nicht mit der Präzision abläuft, wie sie dargeboten werden sollte. Da ist es schwer, den Spagat zu schaffen. Ich versuche es dennoch und habe mich in Brno vielleicht auch etwas unbeliebt gemacht, weil ich das verlangt habe, aber mittlerweile haben sie kapiert, worum es geht – dass ich ihnen ja nichts Böses will, sondern dass ich sie eigentlich weiterbringen möchte. Das ist das Schöne dabei!

 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von HITSQUAD Productions und den Vereinigten Bühnen Wien

 

Die Vorstellung der CD zum Abschiedskonzert von Caspar Richter finden Sie unter der Rubrik "CD/DVD-Einspielungen" in blickpunkt musical Ausgabe 53, Juli 2011.

 

 

 

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