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22.5.2014 : 18:20 : +0200

Ein filmisches Theater-Erlebnis

Um es vorweg zu nehmen, das Ergebnis kann sich sehen und hören lassen. Mittels sechs Kameras entstand an zwei Tagen im Raimund Theater ein Video zum Musical 'Rudolf – Affaire Mayerling', das die Grenzen der Bühne verschwimmen lässt und die charakteristische Bewegtheit des Sets genauso wie das Spiel mit Licht und Farbe aufs schönste einfängt.

Die Interaktionen auf der Bühne werden von vier Kameras im Parkett und zwei im Rang verfolgt. Das hervorragende, auch solistisch souverän agierende Ensemble wird genauso ins Blickfeld gerückt wie die Hauptdarsteller. Mimik, Gestik und charakteristische Verhaltensweisen gewinnen an Deutlichkeit und Intensität: ob Graf Taaffes (Uwe Kröger) genervte Reaktion auf das Fersenschlagen sowie seine verschiedenen Anzeichen von Unruhe oder Rudolfs (Drew Sarichs) Husten, Niesen, ständiges Trinken und Nägelkauen. Hier wurde Theater verfilmt.

Was durch die gezielte Bildauswahl an Live-Erlebnis verloren geht, kompensiert die Aufnahme durch ein Herausarbeiten der Konflikte zwischen den Charakteren. So wird der Streit zwischen Rudolf und seinem Vater, dem Kaiser, zu einer Konfrontation Auge in Auge. Durch die spezifische Kameraführung wird noch deutlicher, dass sich die Eingangszene des 2. Aktes 'Die Fäden in der Hand' in Rudolfs Kopf abspielt, wenn er sich von einem dämonischen Graf Taaffe und seiner Schattenarmee umzingelt sieht. Auch die Konfrontation zwischen Rudolf und Stephanie (Wietske van Tongeren) wird durch eine Kamerafahrt intensiviert, an deren Ende der Kronprinz vor seiner Frau die Flucht ergreift. In diesen Szenen ist auch zu sehen, welch großen Anteil an Schauspiel das Musical 'Rudolf' besitzt, und dass die Vereinigten Bühnen Wien - bis hinein in die sog. Nebenrollen - über eine schauspielerisch sehr starke Cast verfügen.

Die Kameraführung arbeitet auch die Handlung des Buch-Musicals heraus, wobei wichtige Aktionen und Requisiten, wie die rote Schatulle mit dem schicksalshaften Vertrag und die Übergabe des Schlüssels dafür an Rudolf, betont werden. Einzig in der Anfangsszene mit der Selbstmörderin vermisst man den Moment, in dem sich der Ministerpräsident mit seinem Körper über den Kaiser beugt, um ihn mit seinem Leben zu schützen.

Die Kamerafahrten fangen auch die Tanzszenen auf dem Ball, auf dem Eis oder den Tango in der Albtraumszene sehr gut ein. Durch Schnitt und Nachbearbeitung wurden diese Szenen in der Geschwindigkeit noch angepasst, so dass für den Zuschauer die Bewegungen besonders fließend erscheinen. Wie bei einem Kinofilm dürfen sich die Liebhaber bei dieser Aufnahme auch auf kleine Fauxpas im Zusammenschnitt der beiden Aufnahmetage freuen. Bei Ben Hur war es die Armbanduhr, in 'Rudolf' sind es ein liegender Papierkorb, der auf einmal wieder steht ('Zeit zu Handeln') und die variierende Anzahl der Gläser in 'Mut zur Tat'. Das ist eben live – ein Filmteam hätte nachdrehen können.

Trotz der komprimierten Pressung auf nur eine DVD ist das Bild gestochen scharf und mit Ausnahme eines kleinen Bildfehlers in der Szene 'So viel mehr' vom aufwendigen Zusammensetzen der verschiedenen Kameraeinstellungen so gut wie nichts zu sehen. Der Ton ist exzellent und die Dialoge, die gelegentlich sogar sehr laut sind, klar und deutlich zu verstehen. Dass Caspar Richter bei all seinen Musical-Einstudierungen besonders viel Wert auf eine akzentuierte Sprech- und Gesangsweise legt, kommt dem Video sehr zu Gute. Manch ein eifriger Musicalbesucher wird Worte hören, die er bisher gar nicht kannte.

Die Vereinigten Bühnen Wien und Ihre Produktionspartner haben mit viel Aufwand ein filmisches Theatererlebnis produziert, das auch eine Doppel-DVD oder sogar Blu-ray Disc wert gewesen wäre. Damit hätte man umgehen können, dass einige wenige DVD-Abspieler durch die Komprimierung an den feinen Schnittstellen zwischen Sprech- und Liedteilen hängen bleiben. Auf dem Pc und den meisten DVD-Playern läuft die Aufnahme dagegen problemlos. Das Menü bietet nicht nur die Auswahl der Akte, sondern auch eine Einteilung in Kapitel, die durch die vorangestellten Szenenbilder schnell zugeordnet und nach Wunsch angesprungen werden können.

Beigabe ist ein ansprechendes Booklet mit der Besetzung der deutschsprachigen Erstaufführung im Raimund Theater, einem deutsch und englischsprachigen Textteil, in dem jede Szene kurz beschrieben und die Songs in die Handlung eingeordnet werden. Es folgt eine bebilderte Aufstellung des Kreativteams und aller Darsteller mit ihren Rollen. Danach werden die Musiker des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien mit ihren Instrumenten genannt, bevor alle Firmen und Verbände aufgelistet werden, die an der DVD beteiligt sind. Den Abschluss macht ein Grußwort von Autor und Komponist Frank Wildhorn, der sich bei allen Beteiligten bedankt und die Zuschauer bei dem Erlebnis Musical auf DVD willkommen heißt.

Der gute Verkaufsstart zeigt, dass das Musicalpublikum das seltene Angebot sehr gerne annimmt. Eine bessere Werbung für das Stück kann es kaum geben als diese DVD. Sie könnte auch interessierte Besucher zum Live-Besuch zu inspirieren. Leider gibt es das Musical voraussichtlich nur noch bis Januar kommenden Jahres im Raimund Theater zu erleben.

(Barbara Kern)

 

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