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Deutsch
22.5.2014 : 18:25 : +0200
Stück

Fakten

Homepage der Produktion: Edgar Allan Poe
Veranstaltungsort: Oper Halle
Premiere: 28.08.2009
Aufführungstermine: AUGUST: 28. (Premiere) - 19:30 Uhr
SEPTEMBER: Mi 2. / Sa 5. / So 6. / Di 15.
OKTOBER: Mo 5. / Fr 9. / Sa 25. / So 26.
NOVEMBER: Sa 28.
DEZEMBER: Mo 28.
JANUAR 2010: Sa 2. / So 3. / Mi 6.
FEBRUAR: Sa 6. / Do 18. / Di 23.
MÄRZ: Mi 3. / Fr 12. / Di 23.
APRIL: Mo 5. / Mi 21.
MAI: Mo 24.
JUNI: Do 10. / Fr 18. / Mi 23. / Do 24. / Fr 25. / So 27.
Vorstellungsbeginn: 2009:
Di, Mi, Do, Fr, Sa um 19: 30 Uhr
So um 15:00 Uhr
2010:
Mo um 18:00 Uhr
Di, Mi, Do, Fr, Sa um 19:30 Uhr
Ausnahmen: So 6. Januar um 15:00 Uhr
So 27. Juni um 18:00 Uhr
Dauer der Vorstellung:  

Historie

  • Grundlage: Das Leben und die Werke von Edgar Allan Poe, insbesondere 'The Murders in the Rue Morgue', 'The Pit and the Pendulum' und 'The Raven'
  • November 2003: Konzertante Voraufführung in den Abbey Road Studios, London (UK)
  • 28. August 2009: Welturaufführung des Musicals 'Edgar Allan Poe' an der Oper Halle

Kreative

MUSIK / BUCH / LIEDTEXTE: Eric Woolfson MUSIKALISCHE LEITUNG: Volker M. Plangg
Michael Stolle
DEUTSCHE FASSUNG: Daniel Call AUSSTATTUNG: Christoph Weyers
REGIE & EINRICHTUNG für die URAUFFÜHRUNG: Frank Alva Buecheler TON: Till Schwartz
REGIE-MITARBEIT:
ABENDSPIELLEITUNG:
Hansjörg Zäther LICHT: Matthias Hönig
CHOREOGRAPHIE: Jaroslav Staniek VIDEOKUNST: Anke Tornow

Besetzung der Hauptrollen

POE I - Edgar Allan Poe
30 – 40 Jahre alt
Björn Christian Kuhn
REVEREND RUFUS GRISWOLD Gerd Vogel
JOHN ALLAN
Poes Ziehvater
zahlreiche bestimmende Sprechrollen
Andreas Mannkopff
VIRGINIA CLEMM
Poes erste Ehefrau - 13 - 24 Jahre alt
Evita Komp
ELMIRA I - Sarah Elmira Royster
Shelton, Witwe, ca. 40 Jahre alt
Maryam El-Ghussein
ELISABETH
Edgar Allan Poes Mutter
Joana-Maria Rueffer
REYNOLDS
Griswolds Assistent
Emanuele Peters/Hansjörg Zäther

Cast

BARTSCH, Heike SARAH HELEN WHITMAN
überspannte Schriftstellerin, mit Poe verlobt
BILY, Robert 1. REDAKTEUR
BYZDRA, Sebastian POE II - Edgar Allan Poe
ca. 20 Jahre alt
GESELLE
Gehilfe des Zimmermanns
CHASEMORE, Anneli 2. ZEITUNGSJUNGE
CRUICHANK, Timothy Alois ARZT II
DECKER, Jörg 1. COOPER
ein Wahlhelfer
SCHREIBER
EL-GHUSSEIN, Maryam ELMIRA I - Sarah Elmira Royster Shelton,
Witwe, ca. 40 Jahre alt
GÖLTZ, Katrin ANNIE RICHMAN
Poes Kontrastprogramm zu Helen Whitsman
GÖTZE, Angela CAROLINE GRISWOLD
Griswold, geb. Searles, Griswolds 1. Ehefrau
GRIMM, Sabine FRANCES ALLAN
John Allans Ehefrau
GUHLMANN, Andreas AUGUSTIN DUPIN
PFARRER
GUILLOT, Silvain CHARLOTTE GRISWOLD
geb. Myers, Griswolds 2. Ehefrau
KOMP, Evita VIRGINIA CLEMM
Poes erste Ehefrau - 13 - 24 Jahre alt
KOSTOV, Anton MR. ROYSTER
Elmiras Vater
2. REDAKTEUR
KRECIK, Susan ELMIRA II - Sarah Elmira Royster
Poes Jugendliebe, ca. 20 Jahre alt
KUHN, Björn Christian POE I - Edgar Allan Poe
30 - 40 Jahre alt
MANNKOPF, Andreas JOHN ALLAN
Poes Ziehvater
zahlreiche bestimmende Sprechrollen:
MR. WHITE
Verleger des Southern Literary Messenger
MR. GRAHAM
Herausgeber des Grahams Ladies and Gentlemans Magazine
ZIMMERMANN
KANDIDAT im Wahlkampf 1849
PETERS, Emanuele REYNOLDS
Griswolds Assistent
POP, Victor-Florin ORANG UTAN
REICHEL, Renate FRANCES S: OSGOOD
Schriftstellerin, mit Poe und Griswold liiert
RUEFFER, Joana-Maria ELISABETH
Poes Mutter
SVATENKO, Youri SETZER
VOGEL, Gerd REVEREND RUFUS GRISWOLD
ZÄTHER, Hansjörg REYNOLDS
Griswolds Assistent
ZENNER, Peter DOKTOR
Poes Vertrauter
ZETTL, Benjamin 1. ZEITUNGSJUNGE

Musiktitel

noch ohne Aufgliederung in Akte
deutsche Fassung folgt
ANGEL OF THE ODD / PROLOG
(instrumental)
TINY STAR
(Elisabeth)
WINGS OF EAGLES
(Poe)
MURDERS IN THE RUE MORGUE
(Menge)
BLINDED BY THE LIGHT
(Poe, Elmira)
THE PIT AND THE PENDULUM
(Poe)
THE RAVEN
(Zimmermann / Sprechstimme)
IT DOESN'T NEED A GENIUS
(Rufus Griswold)
THE BELLS
(Ensemble)
GOODBYE TO ALL THAT
(Ensemble)
THE DEVIL I KNOW
(Virginia)
SOMEWHERE IN THE AUDIENCE
(Poe)
TRUST ME
(Rufus Griswold und Menge)
LET THE SUN SHINE ON ME
(Emilia, Poe)
TRAIN TO FREEDOM
(Kandidat)
WHAT FOOLS PEOPLE ARE
(Rufus Griswold)
IMMORTAL
(Poe)
Rezension zur Premiere

Starke und schwache Bilder in 'Edgar Allan Poe' – Der Rabe in Halle

"Poe ist tot." Dies sind im Stück die Worte von 'Reverend Rufus Griswold' (Gerd Vogel), der mit Edgar Allan Poes Tod (1849) am liebsten auch sein Werk begraben würde. Lebenslang hat er den Dichter um sein Genie beneidet und seine göttliche Mission darin gesehen, dessen Leben und Werk der Lächerlichkeit preis zu geben. In der Historie ist ihm das nicht gelungen und er schafft es auch nicht in Eric Woolfsons Musical 'Edgar Allan Poe', das am 28. August 2009 seine Uraufführung an der Oper Halle feierte und als solches von Live'Musical über das Internet übertragen wurde. Der Stream liegt dieser Rezension zugrunde. Hätte Rufus Griswold Erfolg mit seiner Diffamierung Poes gehabt, gäbe es weder 'The Tales of Mystery and Imagination' und schon gar nicht 'More Tales of Mystery and Imagination', die dem Autor als Grundlage für sein Poe-Musical dienten. Denn Eric Woolfson hätte nie die Faszination gespürt, die für ihn von Leben und Werk des Meisters der surrealen Bilder und Geschichten ausgeht. Sein Musical ist eine Hommage an den verehrten Dichter, die auch hinter die Schattenseiten seines Lebens blickt.

Die 19 Musiker, nur ein kleiner Teil der großen Staatskapelle Halle, unter Leitung von Volker M. Plangg bringen einen satten Klang. Natürlich darf, wie der musikalische Leiter selbst zu Recht betont, hier nicht der Studiosound einer CD-Aufnahme erwartet werden. Dafür erlebt man in Halle ein engagiertes Orchester mit erstklassigen Musikern, die Eric Woolfsons Kompositionen zwischen Klassik und Pop-Rock mehr als gerecht werden. Ergänzt wurde die Musik durch das Tondesign von Till Schwarz, der manchen der Szenenübergänge, für den eine musikalische Phrase fehlt, mit unterschwelligen Klängen der industriellen Revolution füllte. Am prägnantesten sind die pfeifenden und rollenden Geräusche der Eisenbahn, die kurz vor Schluss in dem Rapsong 'Zug in die Freiheit', den Andreas Mannkopff interpretiert, gipfeln.

Dramaturgie des Stückes

In Eric Woolfsons Stück, das Sequenzen von Poes Leben mit Szenen aus seinem Werk mischt, ist die Figur des Reverend Rufus Griswold eine wichtige Konstante, die nach dem Anfangsbild und vor dem Schlussbild das Geschehen einordnet und auch mitten drin den Zuschauer, der sich in Bildern zu verlieren droht, wieder auf den Weg zurückführt. Nachdem Edgar Allan Poe Griswolds Anthologie der 'Dichter und Gedichte Amerikas' in seiner Rezension in der Zeitschrift 'Messenger' zerrissen hat, verfolgt dieser Poe als Rächer. Er ist überzeugt, die Welt vor dem schädlichen Gedankengut des Trinkers und Irren retten zu müssen. In den Gesprächen mit seinem Vertrauten 'Reynolds' (Emanuele Peters), der für seinen Herrn recherchiert, wird Edgar Allan Poes Leben lebendig. Ausgerechnet Rufus Griswold, der Poes Geschichten "unerzählt" und Poes Leben "ungelebt" machen will, wird zu seinem Erzähler – ein kluger dramaturgischer Schachzug.

Der Zuschauer erfährt von Edgars Verehrung für die an Schwindsucht früh verstorbene Mutter, seiner Jugendliebe Elmira, die er durch die Intervention beider Väter verlor, und von der großen Zuneigung zu seiner Cousine Virginia, die Poe heiratet, um sie, wie er selbst sagt, vor den Ansprüchen eines weniger rücksichtsvollen Ehemannes zu beschützen. Sinnbild hierfür ist die Hochzeitsdekoration, die Edgar Allan Poe seiner Verlobten reicht. Zu den sehr realen Szenen gehören Poes Anstrengungen, beim 'Messenger' als Autor angenommen zu werden. Mit seinen Kriminalgeschichten wie 'Morde in der Rue Morgue' steigert er die Auflage und gewinnt erstmals eine Öffentlichkeit. Damit ist die folgende szenische Darstellung der Kurzgeschichte verankert, in der die Ausstattung von Christoph Weyers (Deerstalker und Pfeife) unterstreicht, dass Poe mit Auguste Dupin, der hier die Morde aufklärt, einen Vorgänger von Conan Doyles Sherlock Holmes schuf. Erstmals wird aus Indizien der Tathergang rekonstruiert. Sehr wirklich ist auch der Rauswurf des Schriftstellers bei dem renommierten 'Graham's Magzine'. Da er nicht genug gutes Material liefert und schon vor dem Frühstück trinkt, wird er durch Reverend Rufus Griswold ersetzt, der immer wieder versucht, in Poes Abwesenheit, seine Leistung zu schmälern und ihn auszustechen. So auch beim Rezitieren des berühmten Gedichtes 'Der Rabe'. Griswold liest die Ballade auf Verlangen einer Dame im Kreis der Literaturfreunde teils übertrieben ironisch vor und Poe erntet den Beifall als Genie. Der Text des Raben wurde ungekürzt in das Musical übernommen und Gerd Vogel meistert die Aufgabe, das Publikum, größtenteils ohne musikalische Unterstützung, nur durch das Wort zu fesseln mit Bravour. Der Rezitator scheint von der Kraft in seinen Worten gebannt und verliert den ironischen Ton.

Rabe und Glocken

Der Rabe ist nicht nur ein bestimmendes Motiv im Logo des Musicals, sondern durchzieht als Symbol in mancherlei Gestalt die Inszenierung von Frank Alva Buecheler. Nach dem Eingangsbild erhebt er zum ersten Mal seine unheilvolle Stimme. Der Rabe steht im Musical in zweifacher Weise für den Dämon Edgar Allan Poes. Er verkörpert alles, was den sensiblen Mann ängstigt und zugleich ist er eng mit den schädlichen Versuchen verbunden, diese Angst zu überwinden. In Gestalt des Dingsymbols eines Vogelhauses trägt Poe den Dämon mit sich herum. Wenn der Dichter sich vor den Anforderungen des Lebens, welcher Art auch immer, fürchtet, greift er zur Flasche, die er dem Vogelbauer entnimmt. Er nutzt ihn ebenso, um darin ausgetrunkene Flaschen vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Poe trinkt, um Schreibblockaden zu überwinden, um Momente von Geselligkeit und Glück zu verkraften, aber ebenso, um seine Verlustangst zu kompensieren. Auf der einen Seite betäubt er Angst und Schmerz mit Alkohol, auf der anderen puscht er sich mit Opium auf – einer Gesellschaftsdroge der damaligen Zeit, die dem Dichter auch neue Gedankenwelten eröffnete.

Während der Hochzeit mit der jungen Ehefrau Virginia (Evita Komp) taucht der Rabe in einer sehr plakativen Form als Dingsymbol für das Opfer der Jungfräulichkeit auf. Nach dem Hochzeitstanz mit Virginia, in der die junge Frau ihren Mann mit kindlicher Freude umgarnt, überreicht sie ihm strahlend ein großes Paket. Der Ehemann weicht vor dem Inhalt schockiert zurück und hält dann einen roten Raben in der Hand, den er eilends wegträgt, bevor er zurück kommt und beide fortfahren, als ob nichts gewesen wäre. Überfordert mit der Situation lässt Poe sich zum Trinken verführen und öffnet eine Champagnerflasche, das Geschenk Reverend Griswolds. Sofort endet der erste Akt mit dem unheilvollen Schrei des Raben. Der zweite Akt bringt den Raben in Gestalt eines großen Gestells auf die Bühne, unter dessen Flügel Edgar Allan Poe seine Virginia bettet, nachdem beide den Versuchungen des Fleisches nicht widerstehen konnten und diese allzu große Körperlichkeit Virginia tötete. Das Musical stellt die Vereinigung als einen Tanz dar und nimmt das Rot des Raben in einem Samttuch wieder auf, das den beiden übergeworfen wird, als Poe sich um die am Boden Liegende kümmert. Bei der Hochzeit von Edgar Allan Poe und seiner Cousine Virginia hat der rote Rabe, unterstützt von dem Lied des Chores, seine Bedeutung geradezu herausgeschrieen. Ganz anders ist das, als das Dingsymbol im zweiten Akt ergänzt durch eine Rabenmaske noch einmal auftaucht. Bei einer Versammlung der Literaturfreunde bietet Griswold in aller Freundschaft dem verhärmten Dichter an, seinen literarischen Nachlass zu verwalten. In der Reprise von 'Der Mensch ist ein Narr' zieht Griswold über seinen schwarzen Handschuh ein rotes Puschel und die Damen im Publikum tragen teils rote Raben, teils schwarze Masken in der Hand. Das Bild erklärt sich nicht selbst und auch über Textbezüge kann man hier nur spekulieren. Am Ende der Szene willigt Edgar Allan Poe ein und macht Griswold zum Hüter seines Werkes, bevor er sich angeekelt von dessen Scheinheiligkeit entfernt.

Die Krönung des Rabenmotivs ist der übergroße, gegenständliche Rabe, der erstmals sichtbar wird, als Virginia stirbt. Der Dämon seines Lebens hat ein neues Opfer gefordert. Der Rabe steht hier für Tod und die Grenze zum Jenseits. Aus dieser Sphäre betritt der Geist von Poes Mutter (Joana-Maria Rüffer) noch einmal die Szene. Sie singt eine Reprise des Schlafliedes 'Ein kleiner Stern', bevor sie ihren Sohn ins Jenseits holt und Poe selbst unter das Kleid des Raben kriecht. Nicht erst da gewinnt der Rabe – gewollt oder ungewollt – den Charakter eines Schutzraumes. Warum sonst hätte Poe seine verstorbene Cousine unter die Flügel des Raben gebettet? Alle Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielten - Mutter, Jugendliebe und Cousine – tragen am Ende einen Besatz von Rabenfedern am Kleid. Die Funktion der Szene jedoch bleibt unklar. In der großen Schlussszene des Musicals trägt Edgar Allan Poe selbst die Federn des Raben wie ein Hemd unter einem glitzernden weißen Mantel und steht im Schatten der Flügel. Seine magische Ausstrahlung bewirkt, dass alle sich von Rufus Griswold ab und ihm zuwenden. Wie eine silberne Sonne steigt er mit dem Lied 'Unsterblich' zum Himmel auf.

Neben dem Raben ist das Motiv der Glocken bestimmend in Halle. Poes Gedicht 'Bells' wurde in der deutschen Übersetzung 'Klang' vertont und wird von den hervorragenden Sängern des Chors der Oper Halle sauber intoniert. Um den Text zu verstehen, müsste allerdings noch klarer artikuliert werden. Poe hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Glocken, er fürchtet ihren Klang geradezu. Sie läuten Leben und Tod, Hochzeit und Beerdigung ein. Die Glocke als Bindeglied zwischen Leben und Tod wird in Halle auf ganz besondere Weise betont: Eine Schauspielszene unterbricht das Lied über die verschiedenartigen Glocken. Andreas Mannkopff spielt darin einen Sargmacher, der seinem Gesellen erklären muss, warum er an dem Sarg einen Glockenturm anbringt. Edgar Allan Poe war nicht der Einzige, zu dessen Urängsten es gehörte, lebendig begraben zu werden und der diese Befürchtung in seinem Werk verarbeitet. Im Musical wird die immense Wirkung seiner fantastischen Geschichten davon abgeleitet, dass die Gesellschaft nach realen Vorsichtsmaßnahmen verlangte, um zu verhindern, als Scheintoter begraben zu werden. Der Begrabene sollte die Glocke läuten, damit man ihn wieder ausgrub. Die Reprise von 'Klang' begleitet das Begräbnis von Virginia.

Die Welt in Poes Kopf 

"Ich habe wohl zu lange nur in meinem Kopf gelebt.“ Diese Worte Edgar Allan Poes könnten das Motto von Christoph Weyers' Bühnenbild sein, in dem Poes Handschriften ein zentrales Element darstellen. Eric Woolfsons Stück wird fast selbst zu einem Werk des Dichters: Auf den Bekundungen seines Kopfes wird im Musical getanzt, gesungen und gespielt - dadurch, dass Projektionen von Poes Handschrift (Videokunst Anke Tornow) den Boden und in den meisten Szenen auch die Wände bedecken. Gleich zu Anfang lässt Eric Woolfson seinen Poe zum Verleger des 'Messenger' sagen: "Sehen Sie die Welt einmal von mir aus." Christoph Weyers nun verdeutlicht dem Zuschauer in Bühnenbild und Kostümen, dass er die Welt mit Poes Augen sieht. Dementsprechend sind manche seiner Bilder surreal wie die weiße Traumszene, in der Poe am Bühnenrand sitzend auf seine Kindheit zurückblickt. Sie ist eine weiße Winterlandschaft, in der sich seine Mutter vom Grab erhebt und das geliebte Schlaflied 'Ein kleiner Stern' singt und der junge Edgar seine erste Liebe, Elmira, fand und wieder verlor. Über der scheinbar strahlenden Szene vor blauem Hintergrund hängen entwurzelte Bäume und geflochtene Fenster, Motive aus Edgar Allan Poes Werk 'Der Untergang des Hauses Usher', die die verklärte Stimmung in ihr Gegenteil umschlagen lassen. In einer anderen Szene hängt das Pendel, das der Schriftsteller in 'Grube und Pendel' beschwört, drohend wie ein Damoklesschwert über den Tänzern, die Poes charakteristische Handschrift auf dem Körper tragen und dem Pendel auf verschiedene Art und Weise auszuweichen versuchen. Christoph Weyers schuf auch Elemente, die die Stimmung einer heiteren Szene ins Gegenteil kippen. Als die anderen Frauen Virginia prophezeien, sie werde schon auch noch ein Kind bekommen, stehen am Ufer hohe seltsam verkrüppelte Binsenbüschel, die unheilvoll auf das tödliche Ende der Sequenz hindeuten. Wiederum folgt das Bühnenbild dem Blick des Dichters, für den die Natur diesen Touch von Trostlosigkeit bekommt.

Dem Kopf des Dichters sind auch Jaroslav Stanieks Choreographien entsprungen, die seinen Gefühlen des Gejagt- und Ausgeliefertsein in Elementen aus Modern Dance, Street Dance, aber auch Tanzformen wie dem Flamenco Ausdruck geben. Auch Teile des Chores der Oper Halle werden in die Bewegungsabläufe im Raum eingebunden und haben sichtlich Spaß an dem Agieren auf der Bühne. Damit das Singen nicht leidet, werden die Akteure im Backstage Bereich durch weitere Chorsänger unterstützt.

Poe und die Frauen

Björn Christian Kuhn, der in Halle die Titelrolle verkörpert, gehört zur festen Besetzung des Opernhauses und bewältigt eine große Partie. Als Musicaldarsteller und ausgebildeter Opernsänger ist er prädestiniert, in Eric Woolfsons Musical die großen Balladen 'Adlerflügel', 'Irgendwo im Publikum' oder 'Unsterblich' zu singen, aber auch die rockigere Nummer 'Grube und Pendel' meistert er, auch wenn seine Stimme immer ihren klaren schönen Klang behält. In dem Annabel Lee- Duett 'Lass die Sonne scheinen auf mich' mit Maryam el-Ghussein, die seine wiedergefundene Jugendliebe 'Elmira' spielt, zeigt er, dass er auch in den ganz leisen Tönen überzeugen kann. Die Szene zwischen den beiden Liebenden, die sich nach 26 Jahren wieder treffen ist eine der berührendsten des Musicals, die im Gedächtnis haftet. Maryam el-Ghussein und Björn Christian Kuhn spielen die zarte Annäherung zwischen der reservierten Witwe und dem verunsicherten verhärmten Dichter äußerst glaubwürdig. Auch zwischen der bezaubernden Evita Komp und dem Protagonisten des Edgar Allan Poe stimmt die Chemie. Evita Komp gibt ihrer Figur der 'Virginia' genau die jugendliche Neugier und den Charme, die Edgar Allan Poe verzaubern. Überzeugend spielt Kuhn zunächst den sich sorgenden Cousin und dann den Ehemann, der hin und hergerissen ist zwischen der offensichtlichen Anziehung und der Angst vor der Frau in Virginia. Das kommt besonders in dem Lied 'Ein teuflischer Mann' zum Ausdruck. Für Poe sind die Frauen keine erotischen Wesen, sie sind reine Engel wie die jungfräuliche Virginia oder Königinnen, denen man Respekt erweisen muss, wie Elmira. Dazu kommt im Musical der mütterliche Engel 'Elisabeth Poe', den mit markantem Auftreten und Stimme Joana Maria-Rueffer spielt. In ihrer Darstellung verbindet sie den Engel- und den Königinnenaspekt in Edgar Allan Poes Frauenbild. Björn Christian Kuhn spielte Poe als zurückhaltenden Mann, in seinen Augen war stets die Angst vor allem, was in ihm zu starke Gefühle auslösen könnte. Bereits bei der Premiere zeigte er in seiner Mimik zahlreiche Facetten von Trauer über Ekstase bis hin zu Wut. Dem bekannten Schauspieler Andreas Mannkopff ist die Aufgabe zugefallen, die männlichen Typen auf die Bühne zu bringen, die in den Wendungen im Leben des Edgar Allan Poe eine entscheidende Rolle spielen – vom Verleger des 'Messenger', der seine ersten Kriminalgeschichten verlegt, bis zu dem Vertreter der Eisenbahnlobby, der Poe Respekt lehren will, was dieser nicht überlebt. Gerd Vogel schließlich spielt 'Reverend Rufus Griswold' und füllt nicht nur den 'Raben', sondern auch das Lied 'Der Mensch ist ein Narr' mit seinem wohltönenden Bassbariton. Den neidischen Rächer seiner selbst, überzeugt davon, im göttlichen Recht zu sein, gibt er äußerst überzeugend. Und seiner überzogenen Scheinheiligkeit sieht man die Lüge schon von Weitem an. Gerd Vogel ist ein Darsteller mit großer Bühnenpräsenz, dem die Dramaturgie seiner Rolle aber die Möglichkeit nimmt, seiner Figur eine Entwicklung zu geben. Sein Rufus Griswold zeigt keine Schwächen außer dem Neid auf Poe. Allenfalls mit seinem Vertrauten Reynolds, der charmant und pfiffig von Emanuele Peters gespielt wird, scheint ihn etwas zu verbinden. Im Bewusstsein, Recht zu haben, betrügt er Edgar Allan Poe mit Judaskuss auf beide Wangen und erwirbt sich die Stellung als literarischer Nachlassverwalter. Damit schließt sich zugleich ein Kreis, nachdem man sich das ganze Stück gefragt hat, ob Poe geistig umnachtet war, als er diesen Vertrag schloss. Doch trotz seines heruntergekommenen Anzugs und seiner Trauer um Virginia, erkennt Edgar Allan Poe in dieser Szene sehr genau Griswolds Scheinheiligkeit. Edgar Allan Poe scheint eher im tiefsten Inneren davon überzeugt, dass alle Anstrengung Griswolds, seine Schriften als "syphilitisch" oder "pornographisch" zu diffamieren, seinem Werk nichts anhaben können. Denn wie Eric Woolfson seinen Poe (Björn Christian Kuhn) im großen Schlussbild singen lässt: "Wenn ihr mich hören könnt, lebe ich weiter."

Dem engagierten Musicalprojekt in Halle mit seinen hervorragenden Darstellern ist das zu wünschen. Mit etwas Überarbeitung vor der Wiederaufnahme könnte die Geschichte noch flüssiger erzählt werden. Auch ein paar musikalische Überleitungen wären ein Gewinn.

(Barbara Kern)

 

Das Copyright sämtlicher Aufnahmen dieser Seite liegt beim
MusicalClub24 / Fotograf: Frank Wesner

Szenenfotos

Die Welt des Edgar Allan Poe

 

Am 28. August 2009 feierte 'Edgar Allan Poe' seine Uraufführung in der Oper Halle.

Blättern Sie in unserem Fotoalbum und lassen Sie sich in die Lebens- und Gedankenwelt des Edgar Allan Poe entführen.

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