"Große Bilder ohne Inhalt sagen mir nichts."

Interview mit Regisseur Marc Clear 

Marc Clear war in Tecklenburg bereits als 'Zoser' und 'Fürsterzbischof Colloredo' zu sehen und spielte in der deutschsprachigen Erstaufführung von 'Marie Antoinette' alternierend die Rolle des 'Cagliostro'. Mit der Freilicht-Erstaufführung der '3 Musketiere' in Tecklenburg gibt er sein Regie-Debüt und das mit einem Stück, in dem er bereits in Berlin und Stuttgart selbst auf der Bühne gestanden hat.

Marc Clear

MC24: In Berlin und Stuttgart waren Sie in dem Stück der Gebrüder Bolland als Musketier 'Athos' und 'Kardinal Richelieu' zu sehen? In diesem Jahr geben Sie mit '3 Musketiere' Ihr Regiedebüt, was bedeutet diese Aufgabe für Sie?

MC: Sehr viel. Es ist ein Stück, das mir sehr am Herzen liegt. Ich habe ja einige Jahre mit diesem Musical verbracht, und jetzt ergibt sich für mich die Möglichkeit – noch dazu in dieser tollen Kulisse – neue Wege mit dem Stück zu gehen: bestimmte Sachen neu zu gestalten, vielleicht auszubauen, die Fechtszenen noch ein bisschen anders umzusetzen, weil wir in Tecklenburg einfach mehr Platz haben. Ich würde nicht sagen, dass wir jetzt Dinge unbedingt besser machen wollen, aber ich möchte sie auf jeden Fall an einen Punkt bringen, an dem sie für mich eine noch rundere Geschichte ergeben. Ich finde es ganz toll, dass ich die Möglichkeit habe, das hier zu machen. Natürlich wird mir das Regiedebüt um einiges leichter gemacht, da es ein Stück ist, das ich wirklich sehr gut kenne.

MC24: Was reizt Sie an der Regiearbeit?

MC: Regiearbeit bedeutet für mich die Möglichkeit, einfach alle Aufgaben auszureizen, die ich bei einem Stück erfüllen kann. Mir ist der Umgang mit Menschen sehr wichtig und es gehört zur Regie wesentlich dazu, dass man lernt, gut mit allen Beteiligten umzugehen; natürlich auch alles andere: Requisite, Beleuchtung… Ein großer Teil heißt organisieren und mit Menschen Neues zu gestalten. Da wir einen bestimmten Zeitrahmen haben, muss ich eine Vorlage geben, wie ich mir etwas vorstelle. Besonders wichtig ist mir die Personenregie, dass da wirklich in jeder Szene eine Geschichte erzählt wird. Deshalb muss die kleine Szene stimmen, nicht nur die großen Bilder, da sie die Stütze ist. Große Bilder ohne Inhalt sagen mir nichts.

MC24: Wie sind Sie an das Stück herangegangen?

MC: Ich kenne das Buch natürlich sehr gut. Buch und Musical haben insofern miteinander zu tun, als '3 Musketiere' die Geschichte erzählt, die sich auch im Buch findet. Der Roman jedoch besteht eigentlich aus zwei Geschichten: die erste ist die Diamantenaffäre, die ja fast in der Mitte des Buches abgeschlossen ist und dann kommt die Rache von Milady, wenn Constanze stirbt, wenn Buckingham stirbt etc. Viele Aspekte werden natürlich im Musical nicht beleuchtet. In unserer Vorlage liegt die Diamantenaffäre am Schluss und die beiden Romanteile sind quasi ineinander verwoben. Mein Anliegen ist es, diese Musical-Vorlage noch verständlicher zu machen, u.a. mit weniger Wiederholungen. Ich finde, man muss nicht immer Sätze wiederholen, um sie dem Publikum verständlich zu machen. Deshalb hole ich diese Wiederholungen und Dinge, die nicht zur Geschichte gehören, heraus. Wir haben im Stück gewisse Nummern, die eigentlich mehr Gedanken einzelner Menschen darstellen oder Geschichten als inneren Monolog erzählen. Man muss den Kontext im Blick behalten, in dem diese Titel stehen, damit sie Teil des Ganzen bleiben und man nicht aus dem Fluss kommt. Das ist für mich sehr wichtig.

MC24: Was ist Ihnen wichtig an der Geschichte und welche menschlichen Konstellationen tragen für Sie das Stück?

MC: Es gibt eine ganze Reihe von Regisseuren die ihre Arbeit an einem Stichwort aufhängen; sie sagen: Okay, dieses Stück steht nun unter dem Begriff: "Ehre" oder "Liebe", oder auch "Freundschaft". Bei '3 Musketiere' kann man das nicht machen, denn es ist alles: Freundschaft, Ehre, Liebe, Lüge, Rache, Intrige ... usw. Die Figuren – die zwischenmenschlichen Beziehungen, sie sind besonders wichtig für dieses Stück: Es gibt eine Beziehung zwischen D’Artagnan und den drei Musketieren und eine der drei Musketiere untereinander. Sie alle haben verschiedene Charaktere, und das muss deutlich werden. Dann gibt es das Verhältnis zwischen Milady und Athos und andererseits zwischen Richelieu und Milady, das herausgearbeitet werden muss. Außerdem gibt es eine Beziehung zwischen der Königin und Buckingham, aber auch zwischen der Königin und dem König. Diese Konstellationen müssen genau beleuchtet werden. Es gibt nicht nur eine wichtige Beziehung, sondern die Figuren stehen in vielfachen Verbindungen und wenn man von einer Figur ausgeht, so ist ihr Verhältnis zu jeder anderen Figur wieder ganz unterschiedlich. Das muss deutlich gemacht werden.

In der Altstadt von Tecklenburg

MC24: Wie frei sind Sie in der Umsetzung des Stückes? Gab es Vorgaben seitens der Autoren oder der Uraufführung durch Stage Entertainment?

MC: Wir haben die Rechte für das Stück erworben, und ich gehe damit ziemlich frei um. Es gab einige Striche im Stück, auch ein paar Dialoge wurden leicht geändert, aber natürlich muss man sich an gewisse Vorgaben halten. Ich habe einmal etwas hinzugefügt, einmal weggelassen, um eine Sache deutlicher zu machen. An der Struktur des Stückes haben wir nicht viel geändert.

MC24: Dies ist ihre erste große Regie und Open-Air. Welche Herausforderung sehen Sie in der Freilichtbühne Tecklenburg?

MC: Ich habe natürlich bereits kleinere Szenen gestellt, aber so jetzt in diesem Umfang mit 120 Leuten auf der Bühne, das habe ich noch nicht erlebt. Es gestaltet sich viel einfacher, als ich gedacht habe, weil der Chor nahezu professionell arbeitet, die meisten sind ja schon seit Jahren dabei. Sie wissen was sie zu tun haben. Das Ensemble besteht aus Profis, die Solisten sind Topsolisten, deshalb ist die Disziplin unglaublich. Jeder möchte an diesem Stück mitwirken, teilhaben und für gutes Gelingen sorgen. Für alle zählt, dass das Stück ein Erfolg wird. Da ist die Arbeit schon fast das Ziel, dass wir konstruktiv zusammenarbeiten, toll miteinander umgehen, dass gegenseitiger Respekt da ist, dass man das Gefühl hat, etwas richtig Wertvolles und Anspruchsvolles kreiert zu haben. Was danach mit dem Stück passiert, liegt ja nicht in unseren Händen. Wenn diese Arbeit in sich schon einmal stimmt, ist für mich eigentlich das Ziel erreicht. Dazu gehört auch die zwischenmenschliche Ebene: dass wir einfach zusammen sind, es richtig gut machen und eine schöne Zeit miteinander verleben, dass wir neben der Arbeit auch Spaß haben und einfach einen guten Umgang miteinander pflegen.

MC24: Wie müssen wir uns die Aufteilung der Bühne und das Bühnenbild vorstellen?

MC: Wir müssen natürlich Überblendungen machen von und in bestimmte Szenen. Unsere Schwierigkeit besteht darin, einen großen Chor verschwinden zu lassen und wieder auf die Bühne zu bringen. Deshalb müssen die kleinen Szenen in die großen quasi wie in einem Film überblendet werden: Mit einer Szene müssen wir raus, eine andere Szene muss parallel dazu schon reinkommen, damit kein Leerlauf entsteht. Vom Bühnenbild werde ich jetzt noch nicht so viel verraten, es wird aber und man kann sich da Paris im 16. Jahrhundert sehr gut vorstellen.

"Ich bin jetzt auch bei diesem Stück als Darsteller dabei, aber ich bin hier nicht in erster Linie Darsteller, sondern derjenige, der alles zusammenbringt."

MC24: Sie stehen auch als Darsteller auf der Bühne. Was bedeutet es für Sie, beide Seiten zu kennen und speziell hier in Tecklenburg, beide auch umzusetzen?

MC: Das bedeutet für mich sehr viel. Als Darsteller habe ich ca. 22 Jahre Erfahrung und ich merke jetzt, wie sehr mir diese Erfahrung zugute kommt. Dass ich all das, was ich gelernt habe, jetzt in die Arbeit mit einbringen kann. Ich bin jetzt auch bei diesem Stück als Darsteller dabei, aber ich bin hier nicht in erster Linie Darsteller, sondern derjenige, der alles zusammenbringt – die eigene Vorstellung, aber auch die Vorstellungen von Doris Marlis, der Choreographin und von Klaus Hillebrecht, dem Musikalischen Leiter. Wir müssen alle auf einen Nenner kommen, Bühnenbild, Kostüm und Maske – jeder hat da so seine eigene Art und ich muss das Ganze koordinieren. Die darstellerische Arbeit geht ganz gut, weil ich mich während meiner Regiearbeit schon selbst mitinszeniere und das passt dann. Es läuft sehr gut.

MC24: Wie müssen wir uns das Casting für Tecklenburg vorstellen? Was war Ihnen bei der Besetzung besonders wichtig? Was bringen die jeweiligen Mitwirkenden in Ihren Augen mit?

MC: Das Casting für '3 Musketiere' bedeutete zunächst, Leute zu bekommen, die passen. Als ich konzeptionell mit dem Stück angefangen habe, war mir klar, wir brauchen in erster Linie einmal einen sehr guten Fechtchoreographen: Fightdirector heißt das. Malcolm Ransom, der extra aus London gekommen ist, ist für mich der beste Theater-Fechtchoreograph, den es gibt. Er bleibt bis zur Premiere, das ist toll. Da wir eine kurze Zeitspanne haben, brauchten wir auch ehemalige Fechter. Diese haben wir aus den Besetzungen von Stuttgart und Berlin geholt. Wir mussten vier bis fünf Fechter haben, die das schon einmal gemacht haben, damit wir schneller an die Sache herangehen konnten. Eine ganze Woche haben wir nur gefochten und die Fechtszenen gestellt. Das hat wahnsinnig geholfen und war beim ersten Casten wichtig.

"Eine Figur kann gar nicht genug Facetten haben, dann spiele ich sie gerne, egal was es für eine Rolle ist."

Für die Hauptfiguren habe ich immer an die Stuttgarter Fassung gedacht. Mit Enrico de Pieri und Jens Janke war und ist die Chemie sehr gut. Das hat natürlich auch bei den Kampfszenen geholfen, weil wir schon einmal alle gefochten haben. Thomas Hohler, den D’Artagnan, finde ich ideal für diese Rolle. Es hat mich gereizt, die Figur etwas umzuformen, ein wenig in eine andere Richtung zu schicken und etwas reifer zu machen. Dafür haben wir an bestimmten Szenen noch einmal intensiv gearbeitet, damit die Geschichte in ihnen genau herauskommt. Das ist mir sehr wichtig und klappt auch sehr gut. Er ist ein unglaublich toller Mensch, jemand, er alles annimmt, ohne zu klagen. Er sagt, er versucht mit allem umzugehen, was ich mit ihm mache. Ich hätte mir da keinen Besseren vorstellen können. Für mich ist er DER D'Artagnan.

Dann haben wir Paul Stampehl als Rochefort dabei, der auch die Fechtszenen betreut, wenn der Fighdirector nicht mehr da ist. Mit ihm habe ich noch einmal gearbeitet, um eine gemeinsame Linie zu finden. In seinem Schauspiel und Fechten ist er tadellos. Für die Damen-Rollen wollte ich Darstellerinnen finden, die eine neue Richtung in das Stück bringen, weil sie es noch nicht gespielt haben. Generell fürs Casting, denke ich, ist es wichtig, Leute zu finden, die zugänglich sind und immer bereit für neue Ideen, die Neues lernen wollen und nicht denken: Ich komme hierher und mache meinen eigenen Stiefel, ich bin schon fertig und kann schon alles. Man braucht Leute, die interessiert sind, auch für sich selbst Neues zu kreieren, die sich auch auf eine neue Richtung bekannter Figuren einlassen wollen. Dann schaffen wir zusammen etwas Wertvolles.

MC24: Sie gehen mit großem Elan an ihre Aufgabe hier heran. Möchten Sie in Zukunft öfter Regie führen?

MC: Mich reizt nach wie vor beides. Es ist eine gute Abwechslung. Wenn man eine kurze Zeitspanne hat wie hier, schlaucht die Arbeit auch sehr. Ich bin 15-16 Stunden am Tag hier und ackere ... ich gehe über das hinaus, was ich tun müsste, aber es ist mir wichtig, dass das Stück einfach gut wird. Ja, ich würde es sofort wieder machen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

MC24: Wenn man nach den neuen großen Shows geht, scheint es, dass die Leute vor allem „Spaßmusicals“ oder Compilationshows wollen. Wie sehen Sie die Entwicklung der Musicallandschaft?

MC: Ich weiß es nicht, merke aber auch, dass die Entwicklung sehr dazu neigt. Jetzt springen dagegen einige Stadttheater auf den Zug Musical, nehmen es als vierte Sparte auf. Ich finde das sehr gut und vom Stadttheater auch schlau: Diese Vorstellungen sind immer sehr gut verkauft und bieten eine wunderbare Abwechslung für Leute, die nicht nur auf die reine Oper oder hypermodernes, provokantes Theater stehen, sondern einfach mal in eine andere Welt entführt werden und eine gute Geschichte erleben möchten. Ich finde diese Möglichkeit, dass jeder sich ein Musical anschauen kann und nicht nach Hamburg, Stuttgart oder Berlin oder anderswo hin muss, großartig. Mit den Stücken kenne ich mich leider nicht so aus im Moment, aber im Grunde finde ich es ganz wichtig, das jeder Darsteller und jeder Zuschauer die Möglichkeit hat, seinen eigenen Weg zu gehen.

MC24: Die Karten sind auch noch bezahlbar.

MC: Das Thema habe ich jetzt mal kurz ausgelassen, aber es ist so. Wenn man bedenkt, dass man für einen Theaterbesuch jetzt bei Stage Entertainment für eine 4-köpfige Familie fast 500 Euro hinlegen muss, dann sind wir schon an der Grenze, denke ich. Dann bearbeiten wir das Problem von der falschen Seite. Theater muss bezahlbar bleiben, es muss für jeden zugänglich sein.

MC24: Welche Rolle oder Stück würden Sie reizen?

MC: Ich habe derzeit keine konkreten Vorstellungen, was als nächstes kommt. Wenn etwas Interessantes auf mich zukommt, werde ich es machen, natürlich muss es etwas sein, das meinem Rollenprofil entspricht, Daran halte ich fest. Ich mag halt die Charakterrollen, die klassischen Bösewichte, oder sagen wir mal die klassischen Figuren, bei denen ich viele Facetten spielen kann, nicht nur das Gute oder das Interessante, das Intrigante, oder sonst etwas. Eine Figur kann gar nicht genug Facetten haben, dann spiele ich sie gerne, egal was es für eine Rolle ist. Jetzt kommen erst einmal die '3 Musketiere'.

Viel Erfolg Ihnen wie auch dem ganzen Team und danke für die Einblicke in Ihre Arbeit.

Das Interview führte Karin Wittke.

 

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