'Everybody's Showgirl'

Die Entertainerin Gayle Tufts im Gespräch mit Kevin Clarke über ihre neue Show im Admiralspalast und die anschließende Deutschlandtournee

Gayle Tufts

MC24: Musicals werden in den USA als eigenständige und vollwertige Kulturleistung gesehen. Als George Bush Angela Merkel besuchte, brachte er ihr sogar eine Box voller Musical-DVDs mit...

GT: Natürlich sind Musicals unser Kulturerbe, weil einige unserer besten Komponisten daran beteiligt sind: Richard Rodgers, Cole Porter, Irving Berlin, George Gershwin usw. Musicals sind unsere ureigenste Theatertradition, eine Tradition, mit der wir alle aufwachsen. Ich bin 1960 geboren und mit der crème de la crème von Musicals groß geworden. Im Fernsehen liefen die klassischen MGM-Filme der Nachkriegszeit, und Ausschnitte von aktuellen Musicals gab’s jede Woche in der Ed Sullivan Show. Die war ein bisschen wie Wetten, dass...?, nur ohne Wetten.

MC24: Kannst du dir vorstellen, dass Angela Merkel Barack Obama eine DVD-Box mit deutschen Musikfilmen von Marika Rökk als Staatsgeschenk übergeben würde, als Beispiel für "Deutsches Kulturgut"?

GT: Sie würde ihm vielleicht eher Goethe-Verfilmungen mitbringen. (lacht) Wir in Amerika machen nicht diese große Unterscheidung zwischen E und U. Wir nehmen Unterhaltung genauso ernst wie die Deutschen ihren Goethe. Man kann auch nicht ganz allgemein von "Musicals" sprechen, denn die Bandbreite dieser Musiktheaterform ist enorm und reicht von Stücken wie Oklahoma bis zu Rent, Spring Awakening oder Hair. Da liegen jeweils Welten zwischen, und diese Welten machen den Reichtum des Musicals aus.

MC24: Würde sich Frau Merkel schämen für die deutschen Ufa-Musikfilme, die in den 1930er Jahren versuchten, das populäre Hollywoodmusical-Modell zu kopieren?

GT: Man kann natürlich nicht über Unterhaltung in Deutschland sprechen, ohne das Dritte Reich und die Vertreibung (und Ermordung) der Juden zu erwähnen, auch im Entertainment-Bereich.

MC24: Haben deshalb deutsche Intellektuelle ein Problem mit Musicals (egal ob Deutsch oder Amerikanisch)?

GT: Ich als Amerikanerin kann das nicht wirklich beurteilen, ich bin nicht aufgewachsen in Deutschland. Auch als Wahl-Deutsche – ich finde, ich bin mittlerweile eine "Deutschkanerin" – ist es schwierig für mich, das zu einzuschätzen.

MC24: Kennst Du die Ufa-Filmklassiker mit Rökk, Heesters, Ilse Werner & Co.?

GT: Ja, aber es ist schwer für mich, sie anzuschauen. Dieses Klatschen auf der eins und auf der drei, das ist für mich teils schrecklich zu sehen und zu hören... so als würde jemand mit den Fingernägeln über eine Schultafel kratzen. Andererseits gucke ich Caterina Valente-Filme sehr gern. Die sind aber zeitlich später entstanden und somit nicht so mit Nazi-Ideologie befrachtet.

MC24: Als Amerikanerin in Deutschland: Wie würdest Du die Musical-Szene hier beurteilen?

GT: In Amerika nennen wir Musicals "musical comedies". Und manchmal denke ich, in Deutschland fehlt die comedy. Das hat sich zwar in letzter Zeit ein bisschen geändert mit Mamna Mia! oder Der Schuh des Manitu. Aber ansonsten ging Musical hier lange viel zu sehr in Richtung altbackener Operette. Ich sagte früher immer: "Was gibt’s für Frauenrollen in Musicals in Deutschland? Katzen, Lokomotiven und sterbende Prinzessinnen. Wo passe ich da rein?" Diese Art von Musicals in der Nachfolge der sentimentalen Operette, das ist eine Tradition, die wir in den USA so nicht haben. In Amerika sind Musicals eher Weiterentwicklungen von Vaudeville und Burlesque.

MC24: In Amerika weiß jeder halbwegs gebildete Mensch, dass Musicals ein breit gefächertes Spektrum darstellen – von Victor Herbert über Gershwin und Porter bis zu Lloyd Webber und Disney und Sondheim. In Deutschland fehlt das Bewusstsein, dass es neben den großen Stage Entertainment Shows auch andere Formen des Musicals gibt...

GT: Das System in Deutschland ist ein anderes. In den USA haben wir keine subventionierten Theater wie in Deutschland. Ich bewundere es, dass viele kleinere Städte wunderschöne Theater mit spannenden Programmen haben, inkl. Musicals jenseits von Stage Entertainment, die teils ganz ungewöhnliche interpretatorische Wege gehen. Wir haben das in Amerika nicht, es gibt keine Subventionen. D.h. alles kommt immer vom Entertainment her, soll Massen erreichen, ein breites Publikum, nicht nur die sogenannte Elite, die hierzulande im subventionierten Kultur- und Theaterbetrieb primär bedient wird.

Eine starke Type

MC24: Deutsche Kritiker schimpfen gern über Staatstheater, die Musicals spielen, selbst klassische Stücke wie Kiss Me, Kate werden verteufelt...

GT: Ja, Kritiker und Intellektuelle gucken gern nieder auf Musicals, was lächerlich ist. Man muss nur drei Worte sagen: West Side Story. Das ist von Leonard Bernstein! Es ist Entertainment und trotzdem gut. Wir haben in den USA natürlich auch diese großen Frauenrollen. Denk' mal an Ethel Merman in Gypsy, Patti LuPone in Evita, Barbra Streisand in Funny Girl, Liza Minelli in Cabaret. Es gibt da diesen belt, die Bruststimme. Es ist kein opernhafter Ton, keine Sopranstimme. (Die gibt es auch, etwa in Oklahoma! oder Carousel, auch in Wicked.) Doch diese starken Frauentypen mit gutem belt, die sind in Deutschland meist nicht gern gesehen. Diese Art des Singens und diese Art von Charakter kommen kaum vor. Funny Girl sieht man in Deutschland nie, Gypsy auch nicht. Dabei gibt es hier wunderbare Schauspielerinnen, die das machen könnten.

MC24: In Deutschland zerfällt Musicalgesang meist in zwei Kategorien: entweder machen Sänger den Broadway-Belt nach und übertreiben ihn bis zur Karikatur, oder sie singen Musical mit Opernstimme. Während Du das typisch 'amerikanisch' machst, d.h. absolut natürlich klingst.

GT: Es ist unsere Tradition und unser Kulturgut, wir wachsen damit auf und machen das deshalb auch mit mehr Selbstverständlichkeit. Vielleicht sind ja deutsche Opernsänger deshalb auch besser als amerikanische? (Ich weiß es nicht.) Aber: es liegt auch an der Ausbildung. Ich habe Schauspiel studiert, aber als Schauspielerin musste ich auch Tanzen und Singen lernen, nicht nur nebenbei. Man musste zudem lernen, wie man ein Lichtpult bedient und eine Pressemeldung schreibt. Die Konkurrenz ist so enorm groß in den USA, dass man alles mindestens gut können muss, besser noch: very good. In Deutschland ist es immer gleich ein bisschen verdächtig, wenn jemand mehr als eine Sache gut kann. "Sie schreibt und sie singt? Sie schauspielert? Dann kann sie nicht richtig singen!" Nur Ulrich Tukur darf das, vielleicht. Aber wehe jemand anders probiert es.

MC24: In Deinem Mini-Musical – das Du im Rahmen Deiner neuen Show aufführst – zählst Du viele klassische Musicals auf, von Kismet bis Guys and Dolls. Du hast aber in Deutschland nie in einem mitgespielt. Warum?

GT: Gute Frage. (lacht) Teils liegt es an meinem Deutsch und vielleicht auch an meinem Alter und meinem Körper. Ich bin leider nicht Anna Montanaro, ich kann auch nicht mein Bein über den Kopf werfen.

MC24: Dafür bist Du ja eine starke Type auf der Bühne. Und Musical lebt von Typen...

GT: Stimmt. Warten wir’s ab, ob da noch etwas kommt. Ich habe schon mal zu Peter Lund auf einer Party gesagt: "Können wir nicht mal Gypsy zusammen machen?" Ich war 2001 im Glöckner von Notre Dame dabei in Berlin. Aber sonst? Ich habe in der High School alle möglichen Musicals gespielt: Hello Dolly, Anything Goes, Oklahoma, Guys and Dolls...

MC24: Wo würdest Du so was in Deutschland gern spielen?

GT: Zu Stadttheateraufführungen würde ich nicht nein sagen. (lacht) Aber die Besetzungschefs dort denken nicht, dass mich das interessieren würde. Sie sprechen mich nicht an, dabei würde mich das sehr interessieren.

MC24: Gehst Du aktiv auf Theater zu?

GT: Bis jetzt nicht. Denn ich bin ja auch mit meinen eigenen Programmen beschäftigt, und die Kreation einer neuen Show dauert lange. An Everybody’s Showgirl arbeite ich seit fast einem Jahr. Das ist die andere Seite: Ich habe mir meine eigene Schublade gebaut und bin darin gern und erfolgreich unterwegs.

MC24: Kann man das nicht kombinieren, wie z.B. Christoph Marti, der mit den Geschwistern Pfister auftritt und trotzdem viele Solorollen im Bereich Musical übernimmt?

GT: Ich versuche das ebenfalls hinzubekommen und zu sagen: "Hey, Deutschland, here I come!"

MC24: Was wären die Rollen, die Du am liebsten spielen würdest?

GT: Mama Rose in Gypsy, sofort. Funny Girl, wenn man die Show irgendwie meinem Körperbau anpassen könnte. Ado Annie in Oklahoma! und Desirée in Sondheims A Little Night Music mit 'Send in the Clowns'.

MC24: Kennst Du deutsche Unterhaltungsmusik?

GT: Ich habe mal Alexandras 'Mein Freund der Baum ist tot' gesungen, letztes Jahr auch Tokio Hotel. Und Peter Maffay!

MC24: Wie sieht’s mit deutschen Klassikern der 1920er Jahre aus, das Repertoire, das Max Raabe singt?

GT: Das mache ich bewusst nicht, denn ich finde, dass Max und Tim Fischer das so verdammt gut aufführen. Es ist auch in deren Genen, in ihrer DNA. Genau wie Musicals und Showmusik in meiner DNA sind. Ich könnte diese deutschen Klassiker natürlich schon irgendwann mal interpretieren und auf meine Weise vortragen – schließlich mag ich Marlene Dietrich und Hildegard Knef sehr. Aber ich bin noch nicht soweit. Ich traue mich noch nicht. Meine "Deutsche Show" kommt noch, vielleicht zu meinem 60. Geburtstag. (lacht)

Die Entertainerin vor dem Auftritt

MC24: Du erzählst in Deiner neuen Show, dass Du damals – Anfang der 1990er Jahre – mit Deinem Repertoire eine Marktlücke gefüllt hast. Ist das heute immer noch so?

GT: Es hat sich inzwischen viel getan, auch wegen den guten Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland. Der Nachwuchs ist heute viel weiter als vor 25 Jahren, als ich erstmals nach Deutschland kam. Mittlerweile kann man ja auch alles auf Youtube sehen, sich CDs und DVDs bestellen und von den großen Vorbildern lernen. Man muss nicht selbst in den USA aufwachsen, um ein Gefühl für Musical oder Show zu bekommen. Grundsätzlich gilt aber: In Amerika haben wir nicht diese Trennung zwischen Pop, Musical und Rock. Das Radio in Boston, wo ich herkomme, spielt querbeet alles, von den Supremes über Musicals, Country and Western bis zu irgendwelchen Rockbands und Frank Sinatra. Diese Offenheit fehlte in Deutschland lange. Aber die nächste Generation — Menschen wie Christopher Brose, der in meiner neuen Show mitmacht — geht da ganz anders mit um. Sie nimmt all die Einflüsse auf, verdaut sie und spuckt sie dann als etwas Eigenes wieder aus. Das finde ich gut.

MC24: Apropos Nachwuchs: Du warst in der Jury vom Bundeswettbewerb Gesang, Sparte Musical. Wie fandest Du die Darsteller?

GT: Fantastisch. Ich warte jetzt auf den nächsten Schritt, dass diese neue Generation ein bisschen mehr Autobiografie zeigt. Im Moment spielen sie meist nur 'jemand anderen'. Beim Bundeswettbewerb hat es mich gefreut, dass ein paar von den Chansonleuten – wie Gisa Flake – sich getraut haben, ihre starke eigene Persönlichkeit in den Nummern durchschimmern zu lassen. Ich war hin und weg von Gisa und würde sie gern mal in einem Musical sehen. Bei ihr zerfließen die Grenzen zwischen den Genres, und das freut mich. Es ist eine Bereicherung.

MC24: Beim Bundeswettbewerb haben alle ohne Berührungsängste klassische und moderne Musicals, klassische und moderne Chansons und sogar Operetten gesungen. Würdest Du selbst auch in Richtung Operette gehen wollen?

GT: Da muss ich mal meinen Gesangslehrer Michael Dixon fragen. (lacht) Aber: Why not? Ich bin offen für alles, und sehr ehrlich, was meine Grenzen und meine Stärken angeht. Ich würde immer zuerst gucken: Wer ist der Regisseur, wie wird die Inszenierung und wie machen wir das? Und wenn alles stimmt, für mich, bin ich gern dabei. Auch bei einer Operette.

MC24: Wie würdest Du Dich selbst – so ehrlich wie möglich – als Bühnenpersönlichkeit beschreiben?

GT: Ich bin Entertainerin und Autorin. Ich arbeite mit einer autobiografischen Quelle und bin offen für große musikalische Abenteuer.

MC24: Am Broadway werden große Stars aus Film und Fernsehen regelmäßig für Musicals engagiert – aktuell Catherine Zeta-Jones in A Little Night Music, aber auch Glenn Close in Sunset Boulevard. Wieso passiert das in Deutschland nicht, Deiner Meinung nach?

GT: Es hat ein bisschen was mit dem Fernsehen zu tun... wo sieht man Musicals im TV? Vielleicht bei Wetten, dass...?, aber nicht bei MTV oder der Hitparade der Volksmusik. Diese rigorose Trennung ist schade. Denn junge Leute, die Musical machen, wie Katharine Mehrling, die finden keinen Platz im Fernsehen und somit im öffentlichen Bewusstsein. Warum sehen wir Katharine Mehrling nicht auf dem Bildschirm? Oder die Pfisters? So viele Leute sagen zu mir, wenn ich außerhalb Berlins in Shows auftrete: "Wir hatte ja keine Ahnung, dass du singst!" Die kennen mich nur als stand up comedian, der "Dinglish" spricht, aus dem Quatsch Comedy Club. Ich bin eine alte Freundin von Thomas Hermanns, den ich seit 28 Jahren kenne, aus meiner Uni Zeit. Er hat mich damals eingeladen, in seiner TV-Show aufzutreten. Er sagte, "wir deutschen deine Texte a little bit up und du musst vier Minuten Monolog von dir geben, dafür kriegst du 1.400 Mark". Das war damals für mich ein Vermögen. Ich habe das viermal im Jahr gemacht und damit meine Shows produziert. Diese Auftritte sind in der Erinnerung der Öffentlichkeit hängen geblieben – erstaunlicherweise. Meine Shows dagegen gibt’s nicht im Fernsehen und sie erreichen darum auch ganz andere Publikumsschichten.

MC24: Muss man ein guter stand up comedian sein, um eine emotional überwältigende Musicalsängerin zu sein?

GT: Ich glaube, ein guter Komödiant besitzt immer auch ein bisschen Zerbrechlichkeit. Guck’ mal Robin Williams oder Bette Midler an. Die sind typische Clowns — aber ein Clown ist nicht immer happy. Er hat ein großes Herz, das auch gebrochen sein kann. Wir wollen alle Menschen sein. Und Menschlichkeit hat diese beiden Seiten. Jeder weiß, es ist nicht alles lustig. Aber ist auch nicht alles tragisch, Gott sei Dank. Bette Midler kann in ihren Shows innerhalb einer Sekunde von brüllendem Slapstick zu erschütterndem Sentiment wechseln. Das ist grandios. Und das können Comedians besser als andere.

"Ich bin ein witziger Mensch in einem sehr ernsten Stück."

MC24: Du singst in Deiner neuen Show die Textzeile "Maybe life is a cabaret" – würdest Du Dein eigenes Leben so beschreiben?

GT: Ich sage immer, ich bin ein witziger Mensch in einem sehr ernsten Stück. Ich komme eigentlich vom Tanztheater, ich war immer die singende, witzige Figur in ernsthaften Stücken, z.B. habe ich mit Philip Glass gearbeitet in New York im Lincoln Center. Ich sagte damals zu ihm: "Excuse me, Mr. Glass, but I don’t really do the Ah, Ah, Ah." (singt opernhafte hohe Töne) Und er antwortete: "Deswegen habe ich Sie auch engagiert, Frau Tufts." Das war toll, denn er wollte jemanden, der diese Leichtigkeit hat. Es ist wichtig, beide Seiten zu haben.

MC24: Wie sieht es mit der Zukunft aus: Deine neue Show ist Dein bislang größtes Projekt. Würdest Du damit auch in Amerika auf Tournee gehen?

Es würde mich erstmal mehr interessieren, damit nach Edinburg zu gehen, zum dortigen Theaterfestival. Die Engländer denken ja, die Deutschen sind bekloppt und die Amis auch. Da würde ich also als "Deutschkanerin" gut reinpassen. Aber ich denke in der Tat über eine amerikanische Version meiner Show nach. Man müsste das Ganze dort jedoch in einem anderen Kontext bringen, sonst versteht man die Lieder und Hintergründe nicht. Die Zeit ist sicher reif dafür. Es gab in den USA viel zu lange das Bild der Deutschen, dass sie so ernst sind, so tragisch, so gemein, so im Schatten der Nazi-Vergangenheit. Aber das hat sich geändert. Wenn du einen jungen Menschen in Amerika heute nach Deutschland fragst, dann antwortet er wahrscheinlich: "Loveparade, Heidi Klum, Frauenfußballmannschaft und Knut! Und Berlin, party all night." In meiner Show müsste sich das alles spiegeln. Ich würde als Amerikanerin, die in Berlin lebt, in den USA auftreten wollen.

MC24: Entstehen in Amerika Musicals anders als hier?

GT: Viele neuere Musicals, wie Spring Awakening oder Legally Blonde, haben als Workshops angefangen. Sie werden entwickelt in Teamarbeit. Ich glaube, so was sollte in Deutschland mehr gefördert werden. Leute wie Peter Lund, Thomas Zaufke, Wolfgang Böhmer (der Das Wunder von Neukölln geschrieben hat), Rainer Bielfeldt, Adam Benzwi, die Geschwister Pfister... warum machen die keine Musicals an deutschen Stadttheatern? Vom Fernsehen mal ganz zu schweigen.

MC24: Einige Gewinner des Bundeswettbewerbs Gesang traten kürzlich bei der Krone der Volksmusik mit musicalartiger Musik auf. Würdest Du im Dirndl auch bei solch einer Show mitmachen?

GT: (lacht) Nicht im Dirndl, aber mit Carmen Nebel würde ich schon gern mal auftreten und mein Mini-Musical aufführen. Ich versuche, konsequent mein Ding zu machen, und das Stück ist von Thomas Zaufke für mich geschrieben, es handelt von und ist das Resultat einer engen deutsch-amerikanischen Freundschaft.

MC24: In Deiner neuen Show singst Du fast ausschließlich Popmusik — aber ich erkenne an Deinen autobiografischen Liedtexten, dass Du ein großer Fan von klassischen Broadwaymusicals bist. Wieso machst Du nicht mal ein reines Musical-Programm?

GT: Es ist sehr interessant, dass Du das einteilst in "Musical" und "Pop". Meine opening number ist Robbie Williams’ 'Let Me Entertain You', aber es gibt einen mash up (wie die jungen Leute heutzutage sagen) mit Judy Garlands 'That’s Entertainment' und Ethel Mermans 'There’s No Business Like Showbusiness'. Natürlich könnte ich ein reines Musical-Programm machen, aber ich möchte mich nicht festlegen auf ein Repertoire. Auch meine früheren Shows, wie Soul Sensation, enthielten nicht nur Soul Musik, es gab auch Bruce Springsteen und Alexandras 'Mein Freund der Baum ist tot', oder Bert Kämpfert, als deutsche Seelenmusik. Ich bleibe nie bei einer Gattung, will die Grenzen immer sprengen. Nur ein Ding zu machen, finde ich langweilig. Hier in Deutschland ist es meistens: entweder/oder. Ich versuche zu mischen. Jemand wie Barbra Streisand — und die ist ja nun wirklich die Musical Dame schlechthin – singt auch Contemporary, Pop, Love Songs. Alles.

MC24: Amerikanische Diven wie Barbra Streisand können unglaublich gut mit Kitsch und Melodrama arbeiten...

GT: Ist es Melodrama, oder ist es ihre eigene Geschichte? Guck dir die Biografien an: Bette Midler... als Jüdin in Hawaii aufgewachsen. Das ist ein bisschen wie Barack Obama. Wenn man diese Stories aufschreiben würde, als Drehbuch, würden Menschen sagen: "Das ist unrealistisch, so was gibt’s nicht!" Aber es ist wirklich wahr, wirklich passiert.

MC24: Auch bei Dir?

GT: Meine Mutter war Supermarktkassiererin, mein Vater Barkeeper. Niemand in meiner Familie ist jemals zur Uni gegangen, geschweige denn in einen anderen Bundesstaat gezogen, geschweige denn nach Europa. Aber ich habe es gemacht und hier eine wunderbare Karriere aufgebaut. Manchmal glaube ich das selbst nicht. (lacht) Meine Mutter hätte sich das nie getraut...

MC24: Kommt Deine Mutter nach Berlin zu Deiner Premiere?

Leider ist sie 86 und reist nicht gern. Sie war ein paar mal bei mir in New York, aber das war ihr eigentlich schon zwei Stunden zu weit. Meine Schwester kommt dafür oft und schaut sich meine Shows gern an.

im Gespräch mit Dr. Kevin Clarke
(© Frank Wesner)

MC24: Auf Deiner Website schreibst Du, Deine Shows wollen "größer als das Leben" sein. Spricht das speziell ein schwules Publikum an?

GT: Sure. (lacht) Meine Shows sind beides, extra glamourös, aber sie haben auch eine romantische Seite. Denn wir wollen doch alle nicht nur Pailletten, sondern auch weinen. Vielleicht mögen mich Schwule auch, weil ich wie sie eine Außenseiterin bin: eine Ausländerin, eine übergewichtige Frau (oder jedenfalls jemand, der nicht wie Heidi Klum aussieht), ein bisschen zu laut... Schwule werden immer noch ausgegrenzt. Hier in Berlin denken Menschen, das sei alles kein Problem. Aber wenn ich nach Bitterfeld oder in vergleichbare Kleinstädte komme, merke ich, dass es da nicht so leicht ist 'anders' zu sein. Guck mal nach Hollywood: Wer ist da out als Performer? Niemand.

MC24: Hat Dich das schwule Publikum von Anfang an begleitet?

GT: Ja, das hat mit Rainer Bielfeldt zu tun, meinem langjährigen Bühnenpartner. Er war etabliert als Begleiter von Tim Fischer und vielen anderen aus der damaligen Kleinkunstwelt. Da war bereits ein treues schwules Publikum, Rainer hat mich mitgenommen in diese Welt. Und es hat sofort geklickt zwischen uns.

MC24: Glaubst Du, dass Deine neue Show speziell Schwule anspricht?

GT: 'Everybody’s Showgirl'! (lacht) Hello!?! Ich brauche mein schwules Publikum, es macht nur halb soviel Spaß, wenn die nicht dabei sind.

Vielen Dank für das offene und ausführliche Gespräch.

Das Interview führte Dr. Kevin Clarke.

 

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