"Ich habe nie zurückgeblickt."

Philippe Ducloux ist derzeit als 'Riff' in der Wiederaufnahme der 'West Side Story' bei den Bad Hersfelder Festspielen zu sehen. Vor einer Vorstellung sprach der Künstler über sein Verständnis von Musical, den Charakter des 'Riff' und sein eigenes Konzertprojekt 'Backstage', das am 26. Juli 2010 im 'Lukas' in Essen erstmals zu erleben war.

Philippe Ducloux in Kostüm und Maske in der Stiftsruine in Bad Hersfeld

MC24: Bevor Sie nach Deutschland kamen, haben sie an der Brigham University in Utah (USA) studiert und an mehreren Theatern in den USA gearbeitet. Gibt es Unterschiede im Vergleich zur Arbeit in Deutschland?

PD: Ja, es gibt einige Unterschiede. In den USA läuft alles nach Gewerkschaftsregeln. Es gibt bestimmte Zeiten für Pausen und für Essen. Da ist alles geregelt. 95% der professionellen Theater gehören zur Künstlergewerkschaft 'Equity'. Da hat man einfach ein geregeltes Arbeitsklima, und das ist sehr angenehm. Dazu gehört aber auch, dass man von dir erwartet, wenn du kommst, dass du vorbereitet bist und alles auswendig kannst. Es gibt eine Probenzeit von drei Wochen und dann drei Wochen Laufzeit.

Da bleibt keine Zeit, um noch etwas einzustudieren. Was du einstudiert hast, arbeitest du während der Proben durch. In einem etwas größeren Haus hast du vielleicht sechs Wochen Probenzeit und sechs Wochen Laufzeit, aber dann ist das Stück auch abgespielt, und du musst zum nächsten. Durchgehend Arbeit zu finden als Darsteller in den USA, ist unheimlich schwierig. Du musst dir vorstellen, es gibt keine Repertoire-Häuser. Deshalb muss man seine Engagements so finden und legen, dass sie genau aneinander passen, und das ist sehr schwierig. Wenn man will, kann man sich arbeitslos melden. Wir haben Anspruch darauf, aber man macht das nicht unbedingt in den USA. Ich hatte Glück. Eigentlich wollte ich am Ende meiner Ausbildung nach New York ziehen. Dann spielte ich Softball, zu Hause in Arizona, und habe mir das Handgelenk gebrochen. Ich bin dann mit meinem Arm in Gips zum Vorsprechen gegangen und hatte das Glück, das ganze Jahr in Arizona an drei Häusern als Schauspieler arbeiten zu können. Das hat mich sehr gewundert, denn meine Kollegen waren so gut während der Ausbildung, dass ich mich immer als schlecht empfunden habe, bis zum letzten Jahr.

Während meiner Studienzeit, hat in vier von den fünf Jahren jeweils ein Solo-Schauspieler unserer Uni in einem National-Wettbewerb gewonnen. Die waren einfach fantastisch!. Man sieht sie heute in Fernseh-Serien. Das war einfach die Elite aus dem ganzen Land. Und das war wahrscheinlich gut für mich, es hat mich gepuscht.

MC24: Waren das reine Schauspiel-Engagements?

PD: Das war reines Sprechtheater, ja. Da habe ich 'Moon over Buffalo', 'Ghetto' von Joshua Sobol, 'If You Bild It They Will Come' und 'Scapin' von Molière gespielt, das war sehr schön. Wir haben auch Musical Galas gemacht, um das Theater dort zu promoten. Ich habe mich gut mit dem Intendanten verstanden und konnte dann zwischendurch auch wieder dort arbeiten. Dann erhielt ich das Angebot, für den Sommer nach Deutschland zu kommen. Die Freundin meines Onkels hatte dort mit einem Regisseur gearbeitet. Dieser Onkel besuchte uns in den USA, und – wie alle stolzen Mütter – hat meine Mutter die Video-Kassetten von mir herausgeholt, und ihm gezeigt. Er hat dann dem Regisseur in Deutschland von mir vorgeschwärmt und ich habe ein Video hinübergeschickt. Es ging um eine Operette, und er brauchte einen Tenor, der Stepptanz konnte. Dem Regisseur gefiel mein Band, und er lud mich ein. Da war ich den Sommer über in Lübeck. So fing alles an.

"Ich mag das klassische Amerikanische Musical."

MC24: In welchem Stück haben Sie dann in Lübeck gespielt?

PD: Ich habe 'Die lustige Witwe' gespielt, dann 'Die Blume von Hawai' und noch ein paar andere richtig schöne deutsche Operetten. Als ich dann erfahren habe, dass man hier in Deutschland auch Musicals macht – das wusste ich gar nicht (lacht) – habe ich bei 'Stella' für 'Les Misérables' in Hamburg vorgesungen. Sie sagten, sie hätten gerade keine Stelle für mich frei, aber sie erzählten mir, dass sie Produktionen ihrer Stücke im Kleinformat auf einem Kreuzfahrtschiff durchführen. Ob ich Lust hätte, das zu machen. Ich habe mir dann überlegt: „Willst du diese Erfahrung machen oder nicht?“ Im Nachhinein bin ich froh, es gemacht zu haben. Es war eine gute Erfahrung. Dadurch habe ich Marius in 'Les Misérables' gesungen, Chris in 'Miss Saigon' und das Phantom, Danny in 'Grease', Tugger in 'CATS', Joseph in 'Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat', Rusty in 'Starlight', usw..

MC24: War das auf der AIDA?

PD: Ja genau. Das hat Stella ein Jahr lang gemacht. Die ganzen Shows, die es damals gab, z.B 'Grease', 'Joseph', 'Cats' wurden in 45-minütigen Versionen und mit Originalkostümen auf die Bühne gebracht. Das waren damals richtig große Theater-Events. Und 'Cats' in 45 Minuten zu spielen, zu tanzen und zu singen, das war...puh (er schnappt spielerisch nach Luft und lacht). Danach habe ich ein paar solcher Shows in Deutschland gemacht und landete 2000 / 2001 bei 'Starlight Express' in Bochum.

MC24: War 'Musical' immer schon Ihr Wunsch?

PD: Seit meiner Ausbildung schon. Aber ganz ehrlich, ich wusste einfach nicht, als ich 17 war, was ich machen wollte. Ich habe gesungen, hatte ein Gesangsstipendium an der Uni und habe dort Standard und Latein getanzt. Diese Universität besitzt seit 20 Jahren die beste Standard- und Latein-Formation der USA, und ich wollte da mittanzen.

Dann entdeckte ich, dass es eine Ausbildung in Gesang, Tanz, und Schauspiel gibt und dachte mir: Die Geschichte finde ich lustig. Es ist so skurril, wie ich dahin gekommen bin. Nur weil ich dachte: Okay, dann singe und tanze ich halt und mach ein paar Schauspielkurse. So bin ich zu dem Schauspieldozenten gegangen und habe ihm erzählt, ich interessiere mich dafür. Er sagte, übermorgen gäbe es ein Vorsprechen, Vorsingen, Vortanzen, und ich :...wieso? (lacht). Er erklärte mir: „Sie müssen zwei Songs in verschiedenen Stilrichtungen vorsingen, wir bringen Ihnen ein paar Tanzschritte bei und dann müssen Sie zwei Monologe vorsprechen.“ Dann habe ich den Schauspieldozenten gefragt: „Was ist ein Monolog?“ (grinst). Ich weiß nicht, wo ich mit den Gedanken war, aber der war ganz nett und hat mich nicht rausgeworfen, was man eigentlich denken würde. Er ist mit mir zur Bücherei der Uni gegangen und hat mir eine Monologsammlung ausgesucht. Diese hat er mir in die Hand gedrückt und gesagt: „Kauf Dir das, lerne zwei Stücke und wir sehen uns übermorgen.“ Das habe ich gemacht und er hat mich aufgenommen.

Als ich ankam, waren da 400 Leute und ich dachte: Was wollen die Leute hier? Ich wusste nicht, dass überhaupt einer das Fach studieren möchte. Ich erfuhr, dass sie jedes Jahr sechs Leute in das Programm aufnehmen, und dann habe ich vorgesungen. Ich hatte ein sehr gutes Feedback beim Gesang, da fühlte ich mich sicher, und ich hatte die Monologe vorgesprochen. Beim Tanz haben sie uns ein paar einfache Kombinationen gezeigt. Ich hatte immer viel Sport gemacht und besaß eine gute Kondition, aber Technik hatte ich wenig. Für mich hüpften da so Männer rum, mit ihren Leg Warmers und die Frauen in Tights, und ich fragte mich: Was such ich hier, was soll ich überhaupt machen?

Das war Ende der 1980er Jahre, und ich hatte meine MC Hammer (US-amerikanischer Rapper und Prediger) und alle meine Club-Schritte drauf, und dann ging es los Ich bin in Street Dance ausgebrochen, weil ich nichts anderes wusste, und das Ende der Geschichte war, ich bin einer von den sechs Leuten gewesen, die aufgenommen wurden. Seitdem habe ich nie zurückgeblickt. Ich habe meine Leute gefunden und hatte nur Freude mit den Kollegen. Ich hab einfach energetisch gespürt, dass es das für mich ist, und habe dann Gas gegeben.

"Wenn man eine Rolle achtmal die Woche abliefern muss, besteht die Gefahr, routiniert zu werden."

MC24: Sie haben gerade von der Formation in Lateinamerikanischem Tanz gesprochen. Sie selbst haben auch mehrere Preise mit dieser Mannschaft gewonnen.

PD: Ja, ich bin US-Meister, britischer Meister, und mit meiner Partnerin waren wir auch im Amateurbereich zwei Jahre lang in den Top 6 der USA. Ich bin eine Zeitlang nur diesen Weg gegangen und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber ich hatte immer das Gefühl, wenn ich nur das eine mache, werde ich das andere – Gesang und Schauspiel – immer vermissen in meinem Leben. Das gehört einfach zu mir. Und jetzt bin ich hier in der 'West Side Story' 20 Jahre später, und ich arbeite immer noch in allen drei Sparten, und das freut mich.

MC24: Sie sprechen sehr gut Deutsch. Wie kam es dazu?

PD: Ich hatte Glück, als ich nach Deutschland kam, hat niemand mit mir Englisch gesprochen. Ich hab dann drei Monate lang einen Intensivkurs gemacht, und die ersten zwei Jahre dabei jeden Tag eine halbe Stunde aus meinem Schüler-Duden und Karteikarten Vokabeln und Grammatik gelernt – vor allem während der Bahnfahrten.

MC24: Schauspiel bedeutet ja auch, dass man mit Sprache umgehen können muss.

PD: Ja, und ich mag Sprachen: Ich spreche auch Französisch und etwas Italienisch, das macht mir Freude. Vielleicht kommt das ein bisschen auch von der musikalischen Seite. Ich hoffe, dass man mittlerweile auf der Bühne nicht mehr hört, dass ich Ausländer bin.

Viele meinen auch, ich käme aus Belgien oder Frankreich. Ich habe tatsächlich nahe Verwandtschaft in Frankreich, meine Großmutter kommt aus Paris. Der Name Ducloux stammt von mütterlicher Seite und ist mein Künstlername. Dazu gibt es eine einfache Geschichte, die mit der Gewerkschaft zusammenhängt. In den USA gab es zu viele Philippe Halls. Ich hätte jeden "Philippe Hall" in den USA in Equity anschreiben und fragen müssen, ob ich den Namen auch nutzen darf. Da habe ich mich für "Philippe Ducloux" entschieden, und soweit ich weiß, bin ich der einzige Ducloux in der Schauspielgewerkschaft der USA.

MC24: Welche Art Musical mögen Sie persönlich?

PD: Am Anfang meiner Karriere war ich ein sehr leichter Pop Tenor, ich hatte kein Vibrato, sondern eine glockenklare Stimme. So habe ich auch für Stella den Rusty (Starlight Express) gesungen. Ich mag das klassische Amerikanische Musical. Ein Musical ist für mich kein Musical, wenn nicht die Musik, der Tanz und die Texte – wenn sich nicht diese drei Faktoren zusammen fügen, um die Geschichte weiterzuerzählen.

Das ist der Maßstab für mich, an dem jedes Musical sich messen lassen muss. Warum ist die Musik da, ist sie gerade schön oder hilft sie, die Geschichte weiterzubringen? Für mich ist die 'West Side Story' und die Art, wie in ihr alle drei Elemente zusammen wirken, ein perfektes Beispiel für das gelungenste Musical überhaupt. Oft gibt es in Musicals schöne Musik, es gibt schöne Szenen und tolle Künstler, aber oftmals sind das nur gelungene Nummern im Rahmen eines Stückes, die nicht unbedingt die Geschichte erzählen. Und das ist für mich dann kein gelungenes Musical. Jedes Musical hat hier Schwächen: Zum Beispiel finde ich 'Jesus Christ Superstar' sehr gut gelungen, aber es ist kein Tanzstück. Für mich ist ein Musical, in dem alle drei Komponenten – Tanz, Gesang und Schauspiel – wirklich präsent sind, ein ideales Musical.

MC24: Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor? Gibt es bestimmte Rituale, um einen Rollencharakter zu verinnerlichen?

PD: Komischerweise läuft das bei jedem Stück anders ab, aber ich habe schon so mein System. Ich lese mir das Buch vorher durch, mache mir meine eigenen Gedanken dazu und schaue, wie es in meiner Fantasie wirkt. Wenn ich lese, entsteht in meinem Kopf die Handlung, das ist mein persönliches Bild des Ganzen. Und das versuche ich dann, lebendig werden zu lassen. Bei 'South Pacific' war es sehr interessant: Matthias Davids ist ein unglaublich guter Forscher. Er hat zahlreiche Geschichten und Quellen gefunden für die Rolle des Luther Billis, die er mir dann in die Hand gegeben hat. Man sollte wissen, worüber man spricht, und empfinden, was an Gefühlen die Worte oder die Ereignisse in einem erwecken, wenn man sich das Geschehen ausmalt. Ich glaube, wenn Wort, Empfindung und Gefühl in einem zusammenkommen, dann kannst du kommunizieren. Wenn du nur einen Text absonderst, ohne wirklich etwas dabei zu empfinden, dann wirkt er nicht. Ich versuche, am ersten Tag alles auswendig zu können. Das ist für mich einfach professionell. Professionelle Kollegen wissen am ersten Tag alles, kennen jede Harmonie, jede Stelle, jeden Einsatz, den gesamten Text. Mal gibt’s hier und da einen Hänger, weil alles noch erprobt werden muss, aber sie sind in diesem Maße vorbereitet. Dann ist es leicht: Man lernt die Leute kennen, und es fügt sich alles viel reibungsloser und effektiver zusammen.

Ich befasse mich derzeit immer mehr mit dem Gesang und beginne jetzt im Herbst mit meinem Master im Bereich Oper bei einem sehr guten Professor an der Folkwang Universität in Essen. Wenn ich eine Gesangspartie habe, dann bereite ich sie lange im Voraus vor und gehe ganz langsam voran. Ich habe andere Ansprüche an eine Gesangspartie als an eine Schauspielrolle. Ich finde, man kann eine Sache auch überproben, dann wird es zu automatisch und verliert an Spontanität. Das ist für mich auch der Unterschied zwischen einer Ensuite-Produktion und einer Stadttheater- oder Festspielproduktion.

"Für mich ist ein Musical, in dem alle drei Komponenten – Tanz, Gesang und Schauspiel – wirklich präsent sind, ein ideales Musical."

Wenn man eine Rolle achtmal die Woche abliefern muss, besteht die Gefahr, routiniert zu werden. Ob Sie es glauben oder nicht, diese Routine ist von den Künstlerischen Leitern gewünscht. Hast du auf der Bühne eine Inspiration oder bringst zu viel Spontanität hinein, wirst du sofort ins Büro gerufen. Unter diesen Umständen ist es eine größere Herausforderung, frisch zu bleiben. Ich suche immer nach Inspirationen, versuche immer zuzuhören, was macht der andere, wie betont er die Worte, was gibt er mir auf der Bühne. Die Premiere hier zum Beispiel war lustig. Es hat geregnet – mal wieder – und ganz ehrlich, ich mag die Regenshows hier, es ist so ein toller Effekt. Das Wasser spritzt nach allen Seiten, man rutscht wie verrückt, das sieht wunderbar aus, es hat einen ganz anderen Zauber. Am Premierenabend war ich in einer Szene zusammen mit Christian Alexander Müller (spielt den Tony in der West Side Story, Bad Hersfeld). Ich werfe ihm eine Flasche Cola zu und die ging ihm glatt durch die Hände auf den Boden. Als Riff habe ich ihn natürlich ausgelacht. Dann setze ich meine Flasche an den Holzkasten, um den Deckel abzuhauen, und...es funktioniert nicht...ich probiere es zum zweiten Mal...es funktioniert nicht. Das Holz war mit Wasser vollgesaugt und weich. Erst beim dritten Mal habe ich es geschafft. Allerdings sprühte der Inhalt der Flasche heraus, und das Publikum fing an zu applaudieren. Die fanden das super. Aber wir konnten auf der Bühne dennoch in dem Moment bleiben, wir sind nie ausgestiegen aus unseren Rollen als Riff und Tony, wir haben es benutzt und das hat das Publikum gewürdigt. Es wurde gelacht und es gab Applaus, und dann war das Publikum auch sofort wieder in der Szene. Ich liebe solche Momente, so etwas kannst du nicht planen. Das macht einfach Spaß.

MC24: Sie spielen in Bad Hersfeld den 'Riff'. Was ist er für ein Charakter?

PD: Riff ist ein überzeugter Idealist, er hat diesen Idealismus, den man als Jugendlicher und Student hat. Ein bisschen auch Revolutionär. Er lebt für das, was er macht. Für ihn ist das alles das Größte. Wir könnten mal darüber reden, was wäre, wenn er älter geworden wäre. Vielleicht würde er, wenn er das ein oder andere erlebt hätte, auch seine Sichtweise verändern. Doch im Moment ist er von dem, was er tut, zutiefst überzeugt. Ich denke, es ist das, was ihn am Leben hält. Wenn er die 'Jets' nicht hätte in seinem Leben, würde er total abstürzen, dann wüsste er gar nicht, was er mit sich selbst anfangen sollte.

MC24: Kann er 'Tony' in seinem Handeln verstehen?

PD: Nein, den kann er gar nicht verstehen! Das ärgert ihn richtig. (Auf einmal hatte man das Gefühl, mit Riff selbst zu sprechen) Tony ist im Moment total instabil, der ist mal da und mal nicht da. Er ist mein bester Kumpel, ich hab alles mit ihm erlebt. Was macht der für einen Scheiß? Hoffentlich kriegt er irgendwann die Kurve.

Riff ist wirklich etwas genervt von Tony, er versteht ihn nicht und denkt, er hat seine Tage oder so etwas und will, dass das endlich wieder aufhört.

"Ich habe das große Glück, bei der 'West Side Story' mit dabei zu sein und den Riff zu spielen, und es ist eine phänomenale Produktion."

MC24: Glaubt er, dass Tony wieder zurückkommt und wieder der Jet wird, der er war?

PD: Ich denke, er wünscht es sich. Riff wird sich immer bewusster, dass er nicht möchte, dass Tony vielleicht immer in Docs Shop als Verkäufer arbeitet. Das ist ein schleichender Schatten, und Riff versucht, sich das einfach aus dem Kopf zu schlagen. Es ist das einzige, was ihm so richtig auf den Keks geht.

MC24: Was bedeutet es Ihnen, hier in Bad Hersfeld die 'West Side Story' zu spielen?

PD: Ich bin ein Fan von den Bad Hersfelder Festspielen und dem, was sie darstellen. Eine Gemeinde hat es geschafft, aus dieser alten Stiftsruine einen wichtigen Wirtschaftsfaktor zu machen. Natürlich zahlen sie auch für die eine oder andere Vorstellung drauf. Dennoch ist das, was es insgesamt diesem Ort bringt, seit 60 Jahre schon, beeindruckend. Das ist eine lange Freilichttradition, und wenn man hier draußen (Das Interview fand im Außenbereich der Künstlerklause statt) sitzt, ist es unglaublich schön, geradezu gemütlich. Die Ruine an sich strahlt eine große Energie aus. Ich habe das große Glück, bei der 'West Side Story' mit dabei zu sein und den Riff zu spielen, und es ist eine phänomenale Produktion. Ich habe das Stück mit Martin Smith als Choreograph in Dortmund gemacht, außerdem beim 'Sundance' Sommertheater in den USA, aber keine Produktion der 'West Side Story', die ich gesehen oder an der ich mitgewirkt habe, kommt an diese hier heran. Das ist die beste Produktion von Matthias Davids (Regie) und Melissa King (Choreographie) die ich kenne. Ich weiß, dass 'Crazy for You' sehr gut gelungen ist, aber meiner Meinung nach ist dies deren beste Arbeit. Es ist das, was ich am Anfang gesagt habe, was für mich ein Musical ausmacht. Und es passt in diese Ruine rein, das ist der Hammer!

MC24: Ein Darsteller entwickelt sich weiter und auch seine Stimme, zumal, wenn er – wie Sie – an seiner Stimme arbeitet. Welche Rolle würden Sie gerne in der nächsten Zeit spielen?

PD: Auch wenn das vom Stil und meiner Richtung abweicht, hätte ich wahnsinnig gerne den Galileo in 'We Will Rock You' gemacht.

Meine Stimme ist die des Tony in 'West Side Story' und des Chris in 'Miss Saigon'. Sie ist einfach leichter, klassischer angelegt. Inzwischen bin ich etwas älter und reifer. Ich freue mich darauf, irgendwann mal 'Jekyll & Hyde' zu spielen. Das ist eine Rolle, die ich sicherlich gut bedienen kann, und auch vom Gesang eine gute Partie. Man muss dort mit der Stimme sehr flexibel sein, dann wirkt es viel besser.

Der Riff Raff in der 'Rocky Horror Show' war super zu spielen, auch Frank'N'Furter würde unglaublichen Spaß machen. Das sind einfach tolle Stücke.

Ich sehe mich jetzt nicht als Roy Fire in 'Miami Nights'. 'Hairspray' interessiert mich nicht. Es sind tolle Kollegen dabei, aber mich würde es nicht reizen. 'Mamma Mia' finde ich erstaunlich gut gelungen mit der 'ABBA'- Musik. Die Geschichte ist sehr witzig, aber es reizt mich nicht. 'König der Löwen' finde ich toll, aber ich weiß nicht, was ich da spielen sollte. In 'Tarzan' wäre Terk lustig, aber es tut mir leid, nach sechs Wochen würde es den Reiz für mich verlieren.

Das ist einfach so, so bin ich. Was ich mir wünsche, ist, dass irgendwann mal wieder ein tolles, dramatisches, klassisches Musical hier gemacht wird, aber das liegt nicht unbedingt im Trend.

"Das Niveau eines 'Backstage'-Konzertes wird immer grandios sein."

MC24: Mit 'Backstage' werden Sie nun auch selbst zum künstlerischen Produzent. Wie kam es zu dieser Idee einer neuen monatlich stattfindenden Konzertreihe?

PD: Ich habe als Freiberufler bundesweit sehr viele Konzerte und Gigs gemacht, so entstand der Wunsch, nicht mehr so viel unterwegs zu sein. Ich habe mir überlegt, was sich im Ruhrgebiet ereignet und das war nicht sehr viel. Ich habe dort selbst schon Konzerte mit Kollegen gemacht und weiß, dass das Publikum dafür vorhanden ist. Bei 'Backstage' kann ich meine verschiedenen Erfahrungen in einem Format zusammenbringen, das noch niemand gemacht hat. Dadurch entstand die Idee. Bei 'Backstage' geht es darum, dass jeden Monat ein Konzert mit bekannten Musicaldarstellern stattfindet. Musical soll immer ein Teil der Konzerte sein, und die Sänger sollen auch immer etwas mit Musical zu tun haben. Viele Darsteller, die keine Top-Rollen in großen Produktionen haben, sind wahnsinnig gute Sänger. Sie müssen nicht der beliebteste Künstler für mich sein, sondern, was zählt, ist ihr Niveau. Außerdem haben sie vielleicht auch noch andere Wünsche, genau wie ich. Das Niveau eines 'Backstage'-Konzertes wird immer grandios sein. Ich weiß, wer gut singen kann (lacht).

MC24: Wie haben die Kollegen auf Ihre Anfrage zu den Konzerten reagiert?

PD: Alle Kollegen, ausnahmslos bisher, finden das toll. Sie begrüßen erst einmal die Gelegenheit, den kleinen Rahmen des 'Lukas' in Essen-Kupferdreh zu nutzen, und die Möglichkeit, selbst ein Programm zusammenzustellen. Mit Patrick Stanke habe ich gesprochen, weil wir gemeinsam die 'ABBA'-Konzerte in Kassel machen, Konzerte, die viel Spaß machen. Willemijn Verkaik ist eine fantastische Sängerin und absolut vielseitig. Sie will einfach nicht immer die grüne Hexe singen. Auch Henrik Wager ist ein phänomenaler Sänger, und Heribert Feckler hat so viele Stücke dirigiert und mit so vielen Leuten zusammengearbeitet. Er ist einfach ein guter Musiker und ein sympathischer Mensch. Hinzu kommen Michael Eisenburger und Chris Vega, das sind „Rampensäue“. Sie alle sind begeistert, und hoffen wie ich, dass viele Leute kommen und diese Konzerte unterstützen. Im Moment läuft es gut im 'Lukas', auch mit der Unterstützung der Mitarbeiter dort und Matthias Stockinger, bei dessen schönem 'Face to Face'-Konzert ich spontan mitgewirkt habe. Ich weiß nicht, ob es so lange da bleiben wird, aber wenigstens bis Ende des Jahres wollte ich mit unserem Programm an einem Ort bleiben.

MC24: Als einer der ersten nutzen Sie für die Konzeption von 'Backstage' auch die soziale Plattform 'facebook'. Die Mitglieder dieses Mediums können Tickets reservieren und Vorschläge für die Titelliste einbringen.

PD: Es ist sehr faszinierend, was da über Facebook so alles kommt. Was an Vorschlägen geht und was nicht, das entscheidet der Künstler selbst. Petter Bjällö und Claus Dam zum Beispiel haben ein tolles Cole Porter-Programm. Die beiden sind so gut in dem, was sie da machen und das ist auch eine Musik, die man sonst nicht so oft hört, und schon gar nicht auf solch hohem Niveau. Die beiden sind Top-Sänger in der Musicalbranche und sehr sympathisch. So gibt es bei jedem 'Backstage'-Konzert immer zunächst ein Hauptprogramm, in dem der Künstler sein Programm präsentiert, dann gibt es einen Teil, in dem, insofern es passt und möglich ist, die Fanwünsche berücksichtigt werden. Zum Schluss kommt immer eine Session. Dazu wurde ich durch die 'Face to Face'-Idee von Matthias Stockinger und Konzerte, die ich mit Pamela Falcon (Sängerin aus New York) im Ruhrgebiet gemacht habe, inspiriert. Da sind viele Künstler einfach gekommen, um zu singen. Soweit ich weiß, macht das keiner in Deutschland: Top-Künstler und -Sänger mit einem unglaublich guten Programm, in ihrem Stil sowie auf ihre Art und Weise, unter Berücksichtigung der Fanwünsche, und am Ende einer Session, in der locker und flockig improvisiert wird. Das soll dann so eine Abschiedsparty-Stimmung werden. Ich freue mich sehr darauf und wünsche uns allen einen besonderen Abend.

Diesen Wünschen schließen wir uns gerne an. Vielen Dank für das ausführliche und lebendige Interview.

Das Interview führten Barbara Kern und Sandra Reichel.

 

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Fotos: Sandra Reichel
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