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22.5.2014 : 18:21 : +0200

Lang lebe Lucheni

Er ist bis heute der einzige „echte Italiener“, der im DramaMusical ‚Elisabeth’ den Mörder der legendären österreichischen Kaiserin spielt: Bruno Grassini. Keiner verkörperte die Rolle in mehr Inszenierungen als er. Zuerst 1994 in Wien, später in Triest, Stuttgart, Füssen, Osaka, Tokyo. Momentan heißt es in Berlin „Aber warum? Warum haben Sie die Kaiserin Elisabeth ermordet?“ Bruno Grassini hat sich dieser und unseren Fragen gestellt.

MC24: Man könnte Luigi Lucheni als Ihre Paraderolle bezeichnen. War es gleich klar, dass Sie in Berlin wieder dabei sein werden?

Im Gespräch mit Bruno Grassini (© MusicalClub24)

BG: Die erneute Zusammenarbeit ergab sich schon aus einer gewissen Logik. Die intensive Arbeit an einem so dichten Stoff wie ‚Elisabeth’ ist stark mit gegenseitigem Vertrauen verbunden. Harry Kupfer investiert wirklich sein Herzblut in dieses Stück und führte zuletzt bei der japanischen Produktion Regie, zu deren Cast ich ja auch schon gehörte. Wenn man also bereits extrem erfolgreich zusammen gearbeitet hat, dann ist es klar, dass man gerne wieder ungefähr die gleiche ‚Familie’ um sich haben möchte. So wusste ich auch, dass ich mit Harry Kupfer gut ‚funktioniere’ . Das gegenseitige Vertrauen war da und so hat er zu meiner Freude den Wunsch geäußert, mich – sofern ich die Rolle wieder übernehmen möchte – wieder als Lucheni zu besetzen. Mit Silvester Levay und Michael Kunze, die mich ja schon aus den alten Wiener Zeiten kennen, war die Zusammenarbeit auch in Stuttgart schon sehr eng. So wussten wir alle, dass wir uns wieder auf gute Arbeit freuen können.

Visualisierung von Visionen

MC24: Wie viel Spielraum in der Darstellung haben Sie als Sänger und Schauspieler?

BG: Das ist von Regisseur zu Regisseur unterschiedlich. Natürlich gehört zu unseren Aufgaben immer auch die freie Interpretation, also auch selbst herauszufinden, was passt und was nicht. Aber sehr viel hängt von der Arbeitsweise des Regisseurs ab. Harry Kupfer hat immer ganz präzise Visionen, ganz präzise Vorstellungen. Ich merke, dass er in seiner Fantasie ein gestochen scharfes Bild vor Augen hat. Dieses Bild möchte er durch die Darsteller visualisieren. Deshalb ist unsere Aufgabe auch, diese Visionen so genau wie möglich umzusetzen. Es gibt andere Regisseure, die vielleicht nicht so exakte Vorstellungen haben und das auch gar nicht wollen, weil sie einfach anders arbeiten. Die möchten sich lieber überraschen lassen; sie sehen, was kommt und holen sich dann raus, was ihnen gefällt. Und es gibt Regisseure wie Harry Kupfer, die versuchen, ihre eigenen, ganz präzisen Vorstellungen mit uns umzusetzen. Er hat sehr, sehr klare Vorstellungen vom Stück und seinen verschiedenen Elementen. Und in meinem Fall kommt eines hinzu: Lucheni ist eine besondere Rolle. Die anderen Rollen spielen miteinander und leben ihren Weg auf der Bühne. Lucheni ist auf sich selbst gestellt und kommentiert die Geschehnisse. Er hat im Stück die ‚Fingerzeig-Funktion’, die erzählerische Funktion. Zwischen Stuttgart und Berlin gibt es auch Unterschiede, weil es eben ein anderer Regisseur war. Lucheni hatte dort andere Räume zu erforschen. Und hier sind es wieder andere.

MC24: Lassen Sie uns über einige der Unterschiede sprechen. Nachdem Lucheni in der Stuttgarter Fassung die ‚Feile’ nie betreten hat, balanciert er hier gleich zu Anfang dort oben.

BG: Ja. Das ist hier wieder ähnlich wie damals in Wien. Die Feile ist eine Vergrößerung von Luchenis Mordwaffe und symbolisiert den Eintritt in das Reich der Toten. Dort auf der Kippe, an der Grenze zwischen Leben und Tod, da balanciert Lucheni. Die Feile ist natürlich vor allem dem Tod vorbehalten, er und die Todesengel, und in Wien auch Lucheni, bewegen sich auf ihr. In der neuen Berliner Version steht übrigens am Ende, bei ‚Sinkende Welt’, auch Franz Josef auf der Feile, obwohl er in der Geschichte noch nicht tot ist. Aber bei dieser Szene handelt es sich um den Alptraum des Kaisers, deshalb befindet er sich da auf diesem Todesinstrument.

MC24: Elisabeth betritt die Feile ebenfalls…

BG: Sie versucht es in Franz Josefs Alptraum, schafft es aber nicht, sich hochzuziehen.

MC24: Das auch. Aber schon bei ‚Ich gehör nur mir’ geht sie bis zur Mitte der Feile. Das ist ganz neu, oder?

BG: Stimmt. Seit sie vom Trapez gefallen ist, hat sie immer diese Beziehung mit dem Tod. Sie wandert Zeit ihres Lebens auf der Klinge, gewissermaßen zwischen den Welten. Sie nähert sich dem Tod mehrmals – aber sie erreicht ihn nie ganz. Sie betritt die Feile vorsichtig von unten und geht nur bis zur Mitte, niemals ganz bis nach oben. Im Gegensatz zu Lucheni, für den die Feile ja gewohntes Terrain ist, das er von jeder Richtung aus betritt und auf dem er sich sicher bewegt.

MC24: Das ist sicher in der Höhe gar nicht so einfach, oder? Von unten sieht es gar nicht so hoch aus, aber von oben...

BG: (lacht) Ja, von oben ist es echt ein anderes Gefühl. Immerhin sind das fast fünf Meter Höhe. Ich musste mich erst daran gewöhnen. Auch die Abmessungen der Bühne sind ja wieder ganz andere. Das Timing ist wichtig: Während ich hinten die Leiter zur Feile hochklettere, höre ich nur die Musik. Ich habe meine Anhaltspunkte an bestimmten Akkorden vom Orchester und vom Chor und weiß so, ob ich anziehen muss, weil ich zeitmäßig zu weit hinten bin oder bremsen sollte, damit ich nicht zu früh da bin. Das pegelt sich natürlich alles ein. Das Schwierigste ist für mich aber die Sache mit den Mänteln in der Hochzeitsszene in der Augustinerkirche. Das ist neu: Lucheni wirft die Hochzeitsmäntel von der Feile auf das am Boden liegende Brautpaar Elisabeth und Kaiser Franz Josef. Dazu muss ich mich weit vorbeugen und ganz frei dicht am Rand der Feile stehen. Das hat eine gewisse Gewohnheit gebraucht. Und braucht’s manchmal immer noch. Denn ein kleiner Schritt würde ja schon reichen, um aus meiner Körpermitte herauszukommen – da gibt’s dann diese Schrecksekunde….und plötzlich ‚ups’…

MC24: Vor allem muss Lucheni da oben ja nicht nur laufen, sondern auch singen…

"Ich will nicht sparen" (© MusicalClub24)

BG: Allerdings. Vor allem bei ‚Milch’ versuche ich ganz einfach dort zu sein, wo ich mich an den Aufhängungsdrähten der Feile festhalten kann. Aus einem ganz einfachen Grund: Die Nummer braucht Kraft. Und ich kann keine Kraft geben, wenn ich auf mein Gleichgewicht achten muss. Die Kollegen unten brauchen meine Kraft als Lucheni. Ich muss sie aufhetzen. Lucheni hat in der Nummer ja auch seinen Spaß daran, das Volk gegen die Kaiserin aufzubringen. Er will sie provozieren und erzählt deshalb die ganze Zeit einen 'Schmarrn' sondergleichen - dass die Kaiserin in Milch badet und es darum in ganz Wien keine Milch mehr gibt. Lucheni betreibt da natürlich ein bisschen Demagogie. Die Szene erfordert Kraft. Ich will nicht sparen und womöglich auf Zehenspitzen nach meinem Gleichgewicht suchen. Das wäre gerade an dieser Stelle auch völlig falsch, da könnte man sich die Rolle gleich schenken. Für die Szene ist wirklich ein sicherer Stand wichtig. Aber ich bin auf der wackligen Feile, nicht auf dem festen Boden. Da brauche ich wenigstens von den Drähten Halt, damit ich die Kraft komplett in die Stimme legen kann.

MC24: Stellen die Textvariationen eine zusätzliche Schwierigkeit dar?

BG: Nein, das ist für mich nicht problematisch. Ich bin immer dem gegenwärtigen Augenblick verpflichtet. Und im gegenwärtigen Augenblick, auch in meiner tagtäglichen Konzentration auf die Rolle, gelten immer die aktuellen Informationen. Auf diese bin ich voll und ganz konzentriert, deshalb bringe ich auch nichts durcheinander. Die früheren Inszenierungen und damit auch die früheren Texte sind einfach nicht aktuell für meinen Kopf.

Der Tod ist der Boss

MC24: Was können Sie uns zum Verhältnis zwischen Lucheni und dem Tod sagen? Es hat sich verändert, im Gegensatz zu Stuttgart, oder?

BG: Ja, das sehe ich auch so. Für mich sind das zwei unterschiedliche Ansätze, die beide interessant sind. In Stuttgart hat der Tod sich nicht sehr mit Lucheni beschäftigt. Er war ihm egal. Er hat ihn lediglich als Instrument benutzt, um Elisabeth zu sich zu holen. Jetzt in Berlin erlaubt sich Lucheni ein paar Sachen, die dem Tod richtig wehtun. „Sie liebte Heinrich Heine“. Da merkt Lucheni ‚ups, da hab’ ich jetzt aber was Falsches gesagt’. Oder gleich in der ersten Szene: Lucheni schaut nicht in die Richtung, aus der die Stimme des Richters kommt, also ins Off, sondern direkt zum Tod. Und streut Salz in die Wunde: „Ja, es IST Liebe“. Er wird richtig zynisch – ‚tatsächlich, in der Tat, schaut’s euch des an’. Aber dennoch ist Lucheni immer der Knecht im Reich der Toten. Der Tod ist der Boss. Deswegen checkt Lucheni auch immer erst ab, ob der Tod noch irgendwo in Sichtweite ist oder ob er frei ist, zu reden. Das ist eine neue Sache. Bei ‚Mein neues Sortiment’ zum Beispiel, da wandert Luchenis Blick zuerst zur Feile, um sich zu vergewissern, dass der Tod auch ja weg ist und er reden darf. In der Wiener Fassung stand der Tod noch auf der Bühne, nachdem er Elisabeth abgewiesen hatte, hier ist er schon weg. Aber Lucheni behält immer den Überblick, weil er laufend checkt, ob der Boss etwas mitkriegt.

MC24: Es gibt noch eine Szene, die anders ist: Lucheni sitzt links und duckt sich vor dem Tod hinter seinen Hut. Es wirkt, als hätte Lucheni Angst.

BG: Lucheni möchte nur einfach seine Ruhe haben und er möchte auch nicht befragt werden. In dieser Szene kommt der Tod, schaut ihn an und …bitte nicht… so quasi ‚oh, ich hab den Hut nicht vor dir gezogen. ‚Tschuldigung. Das tue ich jetzt’. Aber er möchte im Grunde in Ruhe gelassen werden. Ich würde nicht sagen, dass er Angst hat. Es ist ihm bewusst, dass der Tod der Boss ist. Dennoch leistet er sich gewisse Frechheiten. Im Prolog gibt es fast ein kleines Duell zwischen Lucheni und dem Tod. Da hängt auch vieles vom Zusammenspiel mit den Kollegen ab. Mit Maté Kamaras war es ein richtiges Duell: Wer ruft sie lauter. Maté kam in der Rolle sehr aggressiv auf mich als Lucheni zu – so entstand bei mir dieser Eindruck. Mit Uwe Kröger bekam das eine ganz andere Facette: Ich singe als Lucheni sehr zynisch ‚Elisabeth’. Uwe als Tod bleibt sanft, wenn er dann ebenfalls ‚Elisabeth’ singt. Ich geb’ noch einen drauf ‚Elissssabeth’ (zynischer Gesang). Und er bleibt immer noch in ganz sanftem Tonfall – ‚Eliiiisabeth’ (romantischer Gesang), als wolle er sagen ‚nein, meine Elisabeth rufst Du bitte nicht so’. Der Tod gibt zu, dass ihm passiert ist, „was es gar nicht gibt“. Aber ist eben doch passiert. Der Tod hat für sie Gefühle. Lucheni nicht.

Biss und Schärfe

MC24: Wie hat sich in Ihren Augen der Sichtwinkel speziell auf die Figur des Luigi Lucheni geändert?

BG: Harry Kupfer will Lucheni unheimlich scharf haben. Und vor allem der Zugang zur deutschen Sprache: ganz gestochen scharf und direkt. Dies ist – und das ist mir sehr wichtig - eine völlig wertungsfreie Sache. Man kann als Schauspieler minimalistisch nach dem Prinzip ‚weniger ist mehr’ arbeiten, oder man geht auf ’mehr ist mehr’. Beides ist gut. Es kommt auf das Konzept an, in das dieser Zugang eingebettet ist. Manchmal ist mehr mehr und manchmal ist eben weniger mehr. Und meiner Meinung nach wird hier durch die Präsenz und durch die Sprache das Motto ‚weniger ist mehr’ umgesetzt. Sprache, Direktheit, Schärfe. Das erfordert viel Selbstdisziplin. Man darf nicht nachgiebig gegen sich selbst sein, so etwas wie ‚ich bin heute ein bisschen müde, ich mach’ heute halt mal…’ . das geht gar nicht. Dann würde das Konzept nicht mehr aufgehen. Die Schärfe muss bleiben. Die Rollen müssen immer DURCH meinen Körper. Deswegen ist mein Lucheni anders. Auch in Stuttgart war mein Lucheni anders als Carstens (Anm. der Redaktion: Carsten Lepper, Lucheni in Stuttgart, März 05 – Jan. 07). Und hier ist mein Lucheni auch anders als Serkans (Anm. der Redaktion: Serkan Kaya, Lucheni in Wien, 2003 - 2005). Die Rolle muss immer durch meinen Körper und darf nie diese Schärfe, diesen Biss verlieren. Für mich ist das einer der Unterschiede, durch den mehr Dichte entsteht. Die Gesamtfarbe dieser Inszenierung, so habe ich es auch von einigen Leuten gehört, wirkt düsterer als beispielsweise in Stuttgart. Aber wie gesagt, das ist das Konzept des Regisseurs.

MC24: Lucheni wirkt in dieser Inszenierung ernster. Und manchmal hat man den Eindruck, er stehe kopfschüttelnd daneben und kann nicht nachvollziehen, was da zwischen Elisabeth und dem Tod passiert…

BG: Nun, das Grundkonzept des Stückes ist immer und überall das selbe: Wir sind im Reich der Toten. Vom Beginn der Show bis zum Ende. Lucheni wird jede Nacht mit den gleichen Fragen gequält, wieder und wieder. Es gibt einfach diesen Knackpunkt, an dem er sagt ‚okay, dann erzähle ich es Dir noch einmal’. Er lässt sich überreden, weil er einfach nicht in Ruhe gelassen wird. So ist seine Haltung immer ‚ich möchte nicht, aber ich muss’. Und wenn ich das alles schon unbedingt erzählen soll, dann sage ich es euch so, auf diese Art. Nur in ‚Kitsch’ vermittelt er durch die Worte ‚ich will euch was verraten’ etwas mehr Betroffenheit. Aber ansonsten gehen ihn die Gefühle der anderen eigentlich nicht sonderlich viel an. Es geht ihm nichts nah. Bei der ‚Kitsch’-Reprise gibt es diesen Moment, nachdem Elisabeth den Tod gebeten hat, sie mitzunehmen, er ablehnt und sie einfach liegen lässt. Lucheni schießt raus, schaut sich Elisabeth hämisch an ‚jaja, du alte Kiste du’…und ‚ha, tschüss’… Ihr Leid geht ihn nichts an. Er rennt weiter nach vorne.

Was den echten Lucheni betrifft: Ich habe seine Tagebücher gelesen und weiß, dass gegen Ende sogar ein Bild von Elisabeth in seiner Zelle hing. Ich glaube, er hat auch irgendwie versucht, sein Opfer zu verstehen. Aber hier steht Luigi Lucheni natürlich im Dienst der Erzählweise dieses Stückes.

Fleisch zum Skelett

Bruno Grassini hat sich intensiv mit der Figur des Luigi Lucheni befasst (© MusicalClub24)

MC24: Ist es wichtig, sich mit der historischen Person zu befassen?

BG: Alle Informationen bilden sozusagen das Fleisch zum Skelett. Gerade bei diesem Thema hat man ja unzählige literarische Quellen, in die man sich hineinlesen kann. Natürlich bringt nicht alles etwas für die jeweilige Umsetzung des Stückes. Viele Informationen sind zwar für mich von persönlichem Interesse, weil ich die Rolle spiele, aber nicht unbedingt nützlich, um die Vision des Regisseurs zu erfüllen. Man muss ein bisschen filtern und sehen, was im Dienste der Inszenierung ist und was nicht.

Damals in Wien wurden wir vom Theater gebeten, die Biographie von Brigitte Hamann zu lesen, weil dies die dichteste und die am besten recherchierte ist. (Anm. der Redaktion: ‚Elisabeth – Kaiserin wider Willen’, Erstausgabe 1981, überarbeitete Neuauflage 1997, erschienen im Amalthea Verlag). Das Buch zitiert ein geflügeltes Wort der damaligen Zeit, das dann sogar 1 : 1 ins Stück übernommen wurde: „Seine Herrschaft beruht auf einem stehenden Heer von Soldaten, einem sitzenden Heer von Beamten, einem knienden Heer von Priestern und einem schleichenden Heer von Denunzianten“. Also, ich glaube, dass Michael Kunze bei der Arbeit einiges aus dieser Biographie schöpfen konnte. Die Biografie von Conte Corti ist dagegen schon ein bisschen romantisierend (Anm. der Redaktion: ‚Die seltsame Frau’ – Egon Caesar Conte Corti, erschienen 1934). Brennend interessant war für mich natürlich ‚Das Attentat’, das auf den damaligen Gerichtsprotokollen beruht (Anm. der Redaktion: Maria Matray/Answald Krüger, Erstausgabe 1970, Neuauflagen 1977 und 1991). Für mich war es für die Umsetzung meiner Rolle sehr nützlich, zu erfahren, dass der Zynismus und die freche Farbe, die Lucheni im Stück hat, absolut auch ein Charakterzug des echten Luigi Lucheni war. Er hat sich bei den Verhören über vieles lustig gemacht, war zynisch und – ja, es war wirklich so – es war ihm wichtig, dass er diese Tat alleine begangen hat. Ob das nun stimmt oder nicht – er hat es wieder und wieder betont. Und er wollte die Todesstrafe. Im Kanton Genf, wo er damals verhaftet wurde, gab es die Todesstrafe nicht – er hat sich beschwert, dass man ihn nicht nach Italien ausgeliefert hat, damit er hingerichtet werden konnte. Er wollte die Todesstrafe, weil er noch stärker herauskommen wollte in den Zeitungen - er, der Attentäter, hingerichtet, weil er die Flagge der Anarchisten so laut hörbar machen wollte wie möglich.

MC24: Glauben Sie, dass er als Märtyrer gelten wollte?

BG: Ich bin nicht sicher. Ich glaube eher, er wollte die Aussage dieses Mordes noch verstärken und deshalb seine Tat immer wieder in die Presse bringen. Und was ich wirklich bezeichnend fand: Am Ende hat er seine Tagebücher geschrieben und die wurden ihm weg genommen oder gestohlen. Und er ist ausgerastet. Zu dem Zeitpunkt wollte er nur eines: nicht in Vergessenheit geraten. Und er musste ja denken, dass ihm dies versagt wird. Das ist auch der Grund, warum er sich in den letzten beiden Wochen seines Lebens so verändert hat. Die ganzen Jahre über galt er als Mustergefangener, war immer sehr diszipliniert. Und er ist komischerweise ausgerastet in den letzten zwei Wochen, bis er sich dann erhängt hat. Sogar damals war empfohlen, nicht mehr als ein oder zwei Tage Einzelhaft im Dunkeln zu verhängen. Er bekam fünf Tage. Also, da hat man ihm einen ganz schönen Schubs zum Erhängen gegeben. Natürlich ist das alles kein Material, das dem Stück dient…

MC24: … aber es dient Ihrem Gesamteindruck?

BG: Ja, es rundet das Bild ab. Beispielsweise habe ich gemerkt, dass Lucheni kein Mensch war, der es sich leicht gemacht hat im Leben. Er hat sich eingesetzt. Irgendwie war er eine rastlose Seele... Natürlich sind das keine Informationen im Dienste des Stückes. Aber sie sind es in meinem Dienste, in meinem persönlichen Dienst, um zu wissen, wer dieser Mensch war. Sie geben mir Fleisch. Und ich habe den Eindruck, durch diese Informationen kann ich vielleicht eben auch…

MC24: … die Persönlichkeit authentisch umsetzen?

BG: Das kann sein. Ich freue mich, wenn das beim Publikum so ankommt.

MC24: So, wie Sie dies schildern, war Lucheni absolut kein alberner Mensch – also sollte auch die Darstellung nicht ‚kippen’…?

BG: Ja. Genau. Lucheni hatte ein Ziel, eine Vision. Er hat gegen eine Realität gekämpft, die er nicht für gut befunden hat. Ob das richtig oder falsch war, ist ein völlig anderes Thema. Es geht um seine Sicht der Dinge. Man muss sich vorstellen: Als er aus tiefer Enttäuschung heraus beschlossen hat, seine Heimat Italien zu verlassen und dem System den Rücken zu kehren, ging er den ganzen Weg von Genua in die Schweiz zu Fuß. Er ist über die Alpen zu Fuß bis in die Schweiz gegangen. Man kann das in ‚Ich bereue nichts’ nachlesen (Anm. der Redaktion: Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders, dt. Ausgabe erschienen 1998 im Zsolnay Verlag). Ganz oben im Gebirge, da sprangen ihm die Lippen auf und die Augen haben geblutet und die Nase… aber er hat es durchgezogen. Also, das war ein Mensch, der einen eisernen Willen hatte. Und deswegen gingen ihn seine Motive durchaus sehr stark an. Für mich ist es wichtig zu verstehen, welche Kraft dieser Mensch besaß. Aber als Schauspieler bin ich natürlich dem Stück verpflichtet. Und auch dort, im Reich der Toten, braucht Lucheni diese Kraft, um seine Geschichte ständig noch einmal und noch einmal zu erzählen.

Entwicklungen

MC24: Es ist mittlerweile 14 Jahre her, dass Sie die Rolle zum ersten Mal gespielt haben.

BG: Ja. 1994 habe ich Luigi Lucheni das erste Mal gespielt. Ich hatte gerade das Konservatorium abgeschlossen und die Leute im Theater konnten nicht wissen, ob ich so eine große Rolle schon tragen kann. Ich bekam die Rolle. Das war eine große Ausnahme und für mich eine große Ehre und ein Zeichen des Vertrauens.

MC24: Im Lauf der Jahre entwickelt man sich ja nicht nur beruflich weiter, sondern auch in seiner eigenen Persönlichkeit. Das wirkt sich sicher auch auf die Darstellung der Rolle aus?

BG: Oh ja. Auf alle Rollen. Ich weiß nicht, wie ich das benennen soll und ich möchte es für mich auch nicht benennen, sondern einfach das Resultat genießen. Genießen, dass es ist, wie es ist. Aber wenn ich versuchen soll, die Veränderung zu beschreiben, würde ich das Stichwort ‚innere Ruhe’ nennen. Vor 14 Jahren war ich selbst vielleicht noch etwas unruhiger, was ja auch zu meinem Alter passte. So wie ich Lucheni heute sehe, passt dieser Abstand durch die Jahre besser zur Rolle. Lucheni ist nicht unruhig. Er hat durchaus Energie und Temperament. Aber Energie und Temperament haben nichts mit Unruhe zu tun. Und nichts mit Rastlosigkeit. Lucheni ist nicht unruhig und zappelig. Er ist ein kleines Temperamentbündel, aber Temperament hat nichts mit Zappeligkeit zu tun. Natürlich genieße ich auch, dass ich heute die Rolle mehr im Bauch habe, als im Hals. Heute kommt mehr aus meiner Mitte. Ich betrachte mich selbst - leider und gottseidank - nicht als erwachsenen Menschen. Es gibt sehr viele Seiten von mir, die gar nicht erwachsen sind. Sehr viele andere dagegen schon. Aber ich denke, mit den Jahren gewinnt man ein bisschen an Ruhe. Die Dinge zweimal anschauen und ein bisschen mehr in die Tiefe gehen. Das wirkt sich natürlich auf das Schauspiel auf der Bühne aus.

MC24: Italienisch ist Ihre Muttersprache. Hat damals die Triester Fassung für Sie noch mehr Nähe zur Rolle gebracht?

BG: Die Frage habe ich mir nie gestellt (nachdenklich). Aber das ist eine interessante Überlegung...Bei einer komplett italienischen Fassung wäre ich gespannt auf die rhythmische Übersetzung. Man muss bedenken, dass es nicht nur inhaltliche Vorgaben gibt, sondern man als Übersetzer auch den Zwängen von Reim und Rhythmus unterliegt. Ein inhaltlich so dichtes Stück zu übersetzen, wirklich den ganzen Inhalt zu vermitteln und das Ganze noch in Reime einzubetten, halte ich für eine riesengroße Herausforderung, für einen literarischen Tanz auf dem Seil. Die Aufführungen in Triest waren ja zweisprachig: Luchenis gesprochene Texte komplett italienisch, seine Lieder gemischt deutsch und italienisch, alle anderen Texte und Lieder wurden komplett auf deutsch gesprochen bzw. gesungen, außer "Ich gehör' nur mir" und "Mama, wo bist Du".  Meine Funktion war somit auch, immer wenigstens einen Leitsatz auf italienisch zu bringen, damit die Zuschauer der Handlung trotz der fremden Sprache folgen konnten. Das war sehr lustig – teilweise musste ich mitten im Lied die Sprache wechseln.

"Ich bin glücklich mit meinen Entscheidungen" (© MusicalClub24)
"Ich bin glücklich mit meinen Entscheidungen"
(© MusicalClub24)

MC24: Das ist Ihnen dank Ihrer Sprachkenntnisse sicher nicht schwer gefallen. Sie haben auch ein Dolmetscherstudium erfolgreich abgeschlossen, richtig?

BG: Ja, das ist richtig. Dadurch hatte ich das Glück, die deutsche Sprache wirklich von Grund auf erlernen zu können. Das scheint mir auch ganz gut gelungen zu sein, wenn ich an diverse Zeitungsartikel denke. (lacht). Immer wieder kann man über ‚den Schweizer Bruno Grassini’ oder ‚den Südtiroler Bruno Grassini’ lesen. Aber ich bin kein Südtiroler und ich bin kein Schweizer. Ich bin ein echter Lombarde, also ein 'waschechter' Italiener. Geboren und aufgewachsen in Italien. Meine erste Fremdsprache war deutsch. Ich hatte schon im Abitur deutsche Literatur als erstes Fach gewählt und die Studien auf der Universität fortgesetzt. Dadurch habe ich mir eine sprachliche Basis erarbeitet, die es mir ermöglicht, so riesige Hauptrollen auf deutsch zu spielen. Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke -  Lucheni, Jekyll/Hyde, Alfred in 'Tanz der Vampire', Bilbo bei 'Herr der Ringe', Judas – es waren immer diese großen Rollen, die sehr viel Zeit auf der Bühne verbringen und die sehr viel Text haben. Ohne diese Basis hätte ich mir das nie und nimmer träumen lassen.

Ich könnte jetzt sagen ‚ach mein Gott, hätte ich bloß mit Theater früher angefangen und mir die Universität geschenkt’. Aber nein. So musste es sein. Das eine hat sich mit dem anderen entwickelt. Ich hatte und habe ein tieferes Verständnis für die deutsche Sprache. Und ich glaube, ohne dieses tiefe Verständnis könnte ich meinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Das Spielen, das ich von mir selbst verlange, setzt voraus, eine Rolle zutiefst von innen heraus zu verstehen. Ohne meine Vorbildung wäre das nicht möglich. Und dann wäre ich heute vielleicht ein oberflächlicher Schauspieler. Ich weiß es nicht, das sind natürlich alles Spekulationen. Auf jeden Fall bin ich dankbar, dass es so gewesen ist. Zwar war es für eine umfassende Tanzausbildung einfach körperlich zu spät, als ich verstand, dass ich ins Theater gehöre. Im ersten Moment möchte man da manchmal doch die Uhr zurückdrehen. Aber eigentlich war es wunderbar, so wie es war. Und ich bin sehr glücklich mit meinen Entscheidungen.

MC24: Das ist ein schönes Schlusswort. Vielen Dank, dass Sie uns so ausführlich berichtet haben. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg als ‚Luigi Lucheni’ und natürlich auch bei all’ Ihren zukünftigen Projekten.

Das Interview führten Sylke Wohlschiess und Barbara Kern.