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22.5.2014 : 18:21 : +0200

"Da muss etwas gemeinsam entstehen ..."

Maaike Schuurmans (© MusicalClub24)

Maaike Schuurmans verkörpert in Jekyll & Hyde eine der beiden großen Frauenrollen, die Prostituierte 'Lucy Harris'.

Erster Teil des Interviews: 2. Mai 2008
Zum Probenbeginn spricht Maaike Schuurmans über die ersten Vorbereitungen...

MC24: Wie haben Sie sich auf die Rolle der Lucy Harris vorbereitet?

MS: Ich habe natürlich Musik und Texte intensiv studiert. Die Rolle aber muss sich entwickeln im Spiel, während der Proben. Ich hätte ja vor Ort in einen Puff gehen können ... Feldforschung habe ich nicht betrieben (lacht). Ich habe versucht, mich fit zu machen, mit Aerobic und viel Training - das ist auch eine Art der Vorbereitung auf die Rolle.
Die Lucy ist natürlich eine Frau, die nicht so viel Glück hatte im Leben. Und ich habe mir schon ein Bild davon gemacht, wie die Frau ist. Aber erst wenn ich anfange zu spielen, verstehe ich, wie ich die Rolle spielen soll. Auch, wie sie sich entwickelt. Dabei ist wichtig zu sehen, wie man miteinander spielt, mit Jan Ammann und den anderen Kollegen. Da muss etwas gemeinsam entstehen.

MC24: Wie stehen Sie zum Spiel auf einer Freilichtbühne?

MS: Ich habe bisher noch nie auf einer Freilichtbühne gestanden und empfinde es als große Herausforderung. Ich spiele ohnehin eher groß und denke, das passt einfach zu mir und vielleicht auch hierher. Ich bin geprägt von der alten Schule und mag es einfach, wenn das Spiel klar und groß ist. Natürlich gibt es auch Möglichkeiten, ganz klein zu spielen und zu singen. Entscheidend ist, die Leute zu faszinieren. Auf einer solchen offenen Bühne herrscht auch eine ganz andere Atmosphäre. Da fliegen Vögel ... man selbst und das Publikum ist viel schneller abgelenkt. So ist es eine Herausforderung, es mit dem eigenen Spiel zu fesseln. Und ich freue mich sehr darauf.

MC24: Was für eine Frau ist 'Lucy Harris' für Sie? Ist sie stark?

MS: Auf jeden Fall. Lucy ist eine starke Frau. Sonst käme sie mit ihrem Beruf auch gar nicht klar. Sie wird ja sogar von ihrem Chef missbraucht. Lucy Harris hat einen Großteil ihrer Gefühle ausgeblendet und ist in gewisser Weise knallhart geworden. Sonst hätte sie nicht überlebt. Eigentlich ist sie sehr verwundbar. Das kommt zum Vorschein, als sie Henry Jekyll trifft und merkt, dass es auch noch nette Menschen gibt. Ich denke, sie verliebt sich nicht so sehr nur ihn, sondern in das, was er bedeutet - einen Weg heraus aus allem. Nicht die Liebe ist das Wichtigste, sondern die neue Hoffnung auf Freiheit, die mit Henry Jekyll verbunden ist. Er steht für die Möglichkeit, einen anderen Weg zu gehen. Das ist mein Verständnis, aber erst während der Proben werden wir sehen, wie es sich entwickelt. Ich kann nur eine Interpretation umsetzen.

MC24: Gibt es gesangliche Besonderheiten an der Rolle, die Sie besonders reizen?

MS: Es ist einfach eine der schwersten Gesangspartien für eine Frau, die ich kenne. Es gibt so viele Balladen, die in große Höhen steigen. Und das ist nicht einfach zu singen. In der Rolle muss man von ganz klein bis ganz groß singen. Dafür braucht man eine sehr gute Technik, sonst kann man die Partien nicht bewältigen. In Stücken wie 'Cats', 'Tanz der Vampire' oder 'Mozart!' hat man ein großes Solo, auf das man hinarbeitet. Darauf fiebert das Publikum. Danach gibt es einen riesigen Applaus. Das war's und Du bist glücklich, wenn es gut war. Diese Show ist anders. Es gibt einige Solos, ich glaube vier oder fünf. Das ist eine Aufgabe und neu für mich. Man muss seine Kraft einteilen, auf einer Außenbühne vielleicht noch mehr. Und man sollte ganz gesund sein (lacht).

Wir sind einfach noch ganz am Anfang. Es sind tolle Leute und ein nettes Ensemble und ich freue mich darauf, mit ihnen allen das Stück zu erarbeiten. Außerdem ist es fast ein bisschen wie Urlaub hier, auch wenn wir arbeiten müssen. Bad Hersfeld ist so schön.

Das Prinzip Hoffnung

Zweiter Teil des Interviews: 5. Juni 2008
Kurz vor der Premiere erzählt Maaike Schuurmans, wie sich im Verlauf der Probenzeit Rolle und Zusammenspiel entwickelt haben.

Maaike Schuurmans bei der Probe
(© MusicalClub24)

MC24: Bei unserem ersten Gespräch haben Sie gesagt, dass Sie Ihre Rolleninterpretation gemeinsam mit Regie und Team erst finden möchten. Wie hat sich für Sie die Rolle der 'Lucy' entwickelt und ist Ihnen etwas besonders wichtig an der Rollendarstellung?

MS: Ich denke, ich habe die Rolle und wie sie sein soll, grundsätzlich für mich gefunden. Und doch stecken wir alle noch mittendrin in der Arbeit an unseren Rollen. Wir müssen ja den ganzen Bogen schlagen. Das heißt in meinem Fall, die Entwicklung der 'Lucy' von Anfang bis zum Ende deutlich zu machen. 'Lucy' ist in jedem Fall eine starke Frau, die durch ihr Zusammentreffen mit 'Dr. Jekyll' darauf aufmerksam wird, dass es vielleicht doch noch eine Chance gibt, dem Beruf als Prostituierte zu entkommen. Sie lebt ja in einer Welt, in der es nicht einfach ist zu leben. Durch die Begegnung mit 'Dr. Jekyll' empfindet 'Lucy' erstmals ein ganz klein wenig Hoffnung, sie denkt an ein neues Leben. Dass sie diese Hoffnung überhaupt empfinden kann nach all der Zeit in ihrem Beruf — das ist, glaube ich, sehr wichtig im Stück. 'Lucy' verändert sich dadurch, sie entwickelt Neugier auf ein anderes Leben. Das Publikum soll diese Hoffnung sehen und mit 'Lucy' hoffen, dass es noch ein besseres Leben für sie geben könnte. Leider gewinnt das Böse, dem sie doch gerade entfliehen wollte, am Ende. 'Lucy' hätte 'A New Life/Ein neues Leben' nicht singen sollen. Denn dadurch verliert sie zu viel Zeit und 'Mr. Hyde' ist schneller. Gerade, als 'Lucy' etwas Hoffnung hat und anfangen will, ein neues Leben zu beginnen, zerstört sie das Böse. Das ist so schade.

Ich werde meiner Rolle sicher während im Laufe der Vorstellungen sicher noch weitere Facetten geben. Dabei ist sehr hilfreich, dass wir jetzt im Kostüm spielen. Überhaupt macht das gemeinsame Entwickeln des Spielens sehr viel Spaß, vor allem mit Jan Ammann ('Jekyll & Hyde'). Wir bilden eine sehr gute Kombination. Aber auch mit Annemieke van Dam ('Lisa Carew') funktioniert es sehr gut. Es ist schön, dass wir so gut zusammenpassen.

MC24: Wie ist das Verhältnis von 'Lucy Harris' auf der einen Seite zu 'Dr. Jekyll' und auf der anderen zu 'Mr. Hyde'?

MS: 'Lucy' trifft auf 'Dr. Jekyll', als sie an einem Punkt ist, an dem sie überhaupt keine Hoffnung mehr hat. Ihn zu treffen, ruft dann eine Hoffnung hervor, die zu spielen unheimlich schön ist. Natürlich verliebt sie sich auch in ihn. Damit spürt sie etwas, das sie noch nie gespürt hat. Dass es Menschen gibt, die nicht nur Schlechtes von ihr wollen, überrascht sie sehr. 'Lucy' ist im Grunde ja auch ein guter Mensch, hat nur nie Gutes erfahren. Deshalb wird 'Dr. Jekyll' auch auf sie aufmerksam, weil sie eben für ihr Metier zu gut ist. 'Lucy' ist einfach eine tolle Frau mit Charakter. Ich denke, das muss sie aber auch sein, um zu überleben. Sie ist eine starke Frau, aber jede starke Frau hat auch ihre schwachen Seiten. Als sie 'Dr. Jekyll' trifft, darf sie auch ihre schwache verletzliche Seite zeigen, sich ein wenig gehen lassen.

Aber auch bei 'Hyde' spürt sie trotz aller Angst eine seltsame Anziehungskraft. Natürlich auch, weil er ja naturgemäß viel von 'Henry Jekyll' in sich trägt. Sie ist irgendwie schon von ihm fasziniert. Die Angst ist mit einem gewissen Reiz verbunden. Das sagt sie ja auch bei 'In His Eyes/Nur sein Blick'. Aber dass sie sich von 'Hyde' angezogen fühlt, macht sie auch zu seinem Opfer. Denn in 'Dangerous Game/Gefährliches Spiel' zeigen beide eigentlich ihre Liebe füreinander. Dabei geht sie ihm gegenüber viel zu weit. Auch 'Hyde' ist in dieser Situation nicht einfach nur böse, sondern wirkt verwirrt, beide empfinden etwas. Wie 'Hyde' Jekylls böse Seite ist, so zeigt hier das Böse, 'Hyde', seine gute Seite. Bis er nachher zu weit geht.

'Nur sein Blick' - Probenbesuch Bad Hersfeld
(© MusicalClub24)

Gemeinsames Erarbeiten

MC24: Sie betonten im ersten Teil unseres Interviews, dass nur durch gemeinsame Arbeit etwas entsteht ...

MS: Oh ja, das ist so. Die Zusammenarbeit mit Jan Ammann und Annemieke van Dam ist traumhaft – beide sind einfach Profis. Wir passen unheimlich gut zusammen, sind ein gutes Team. Das ist schön und macht mir einfach Spaß. Jan und Annemieke sind beide sehr natürlich und offen. Das ist sehr, sehr angenehm.

Wir bieten dem Regisseur (Frank Alva Buecheler) viel an. Er verlangt, dass wir vieles aus uns selbst entwickeln. Das gehört auch zu den Festspielen. Es macht großen Spaß, dies gemeinsam zu tun. Und darüber bin ich unheimlich froh. Wir haben die riesige Bühne und die Übergänge mit dem Bühnenbild müssen klappen. Da muss man sehr an der eigenen Rolle bleiben, darf sich nicht ablenken lassen von all dem, was um einen herum geschieht. Man muss sehr bei sich bleiben. Erst muss es im großen Rahmen stimmen und dann geht die Aufmerksamkeit ins Detail. Da wir einfach ein tolles Team sind, läuft das. Auch der musikalische Leiter (Christoph Wohlleben) gehört dazu. Es ist unheimlich schön, mit ihm zu arbeiten. Überhaupt ist das ganze Ensemble ist sehr nett, eine gute Mannschaft sozusagen. Das macht 90 % von dem Spaß hier aus. Festspiele sind auch einfach so anders als festes Theater. Da muss man schon gut klar kommen miteinander. Dazu kommt, dass es urgemütlich ist hier, das gute Wetter, die wunderschöne Umgebung von Bad Hersfeld.

Das Spiel in der großen Ruine ist natürlich etwas ganz Besonderes. Sie hat schon an sich so viel Atmosphäre. Ich bin sehr positiv gestimmt, aber die letzten Tage sind viel Stress und sehr anstrengend. Da müssen noch große Schritte gemacht werden und wir werden sie machen.

Das Interview führten Barbara Kern und Sylke Wohlschiess.

Große Schritte wurden gemacht — am 11. Juni fand auf der Bühne der Stiftsruine die fulminante Premiere von 'Jekyll & Hyde' statt. Lesen Sie unsere ausführliche Rezension und sehen Sie unsere umfangreiche Fotogalerie mit 70 fantastischen Szenenfotos.